Von Gast (nicht überprüft) , 24 Januar 2025

Editorische Vorbemerkung: Die DigAM-Dokumentation "Die Republik von Weimar. Demokratie ohne Demokraten?" ist die erweiterte Online-Version des gleichnamigen Quellenheftes von Reinhard Neebe aus der Reihe "TEMPORA Quellen zur Geschichte und Politik", Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1987, Nr. 490250.  Die Internet-Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Klett-Verlags.   

Einführung

Die Frage nach den Ursachen für das Scheitern der Weimarer Republik gehört zu den Grundfragen der deutschen Geschichte, und sie steht zu Recht in einem Mittelpunkt des historischen und politischen Interesses. Die Geschichte der er­sten deutschen Demokratie zwischen 1918 und 1933 darf dabei allerdings nicht auf eine bloße „Vorgeschichte” der Machteroberung Hitlers am 30. Januar 1933 reduziert werden. Die Weimarer Republik war trotz aller besonderen Belastungen nicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Jene Epoche, die mit einer Weichenstellung von weltpolitischer Tragweite endete, stand im Schnittpunkt von zwei gegensätzlichen Entwicklungssträngen der deut­schen und europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, nämlich einer liberal-parlamentarischen, demokratischen Traditionslinie einerseits und einer obrigkeitsstaatlichen, vorbürgerlich-feudalen Kontinuität andererseits. Der Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland war in diesem Sinne nicht nur im Selbst­verständnis des „Dritten Reiches” zugleich auch die erfolgreiche Gegenrevolution gegen die Grundideen der Aufklärung und der bürgerlichen Revolutionen, also gegen Demokratie, Parlamentarismus, Liberalismus und Legalität.

Gewiß waren die Rahmenbedingungen für die Weimarer Demokratie vergleichs­weise ungünstig: Die Republik hatte die wirtschaftliche und politische „Erblast” der nicht akzeptierten militärischen Niederlage des kaiserlichen Deutschland im Ersten Weltkrieg zu tragen, und sie war durch den als „Diktat” empfundenen Frie­densschluß von Versailles und die Tributzahlungen" der Reparationen innen- und außenpolitisch gehandicapt. Sie sah sich ferner mit den Problemen des rapiden sozialen Wandels im Übergang zwischen einer nach wie vorvorindustriell gepräg­ten Gesellschaft zur modernen Industriewirtschaft konfrontiert, und sie operierte vor dem Hintergrund der langfristigen ökonomischen Stagnationsperiode der Zwischenkriegszeit mit dem säkularen Ereignis der Weltwirtschaftskrise in den Jahren zwischen 1929 und 1933.

Gleichwohl waren die wirtschaftlichen und politischen „Zwangslagen” nicht so, daß der Sieg Hitlers schließlich unabwendbar gewesen ist. Obwohl andere Länder von der Weltwirtschaftskrise gleichermaßen, teilweise sogar noch stärker, betrof­fen waren, blieb Deutschland der einzige hochentwickelte Industriestaat, in dem sich der Faschismus durchsetzen konnte. Auch die Weimarer Demokratie hatte in den Jahren der Großen Krise zu Beginn der 30er Jahre noch ihre Chance.

Die vorliegende Quellenzusammenstellung sieht es als eine wesentliche Aufgabe an, neben der Darstellung von „Zwangslagen” auch deutlich zu machen, wo „Handlungsalternativen und Handlungsspielräume” gegeben waren. Dabei ist vor allem zu fragen, wie die Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die vorhandenen Spielräume innerhalb vorgegebener Strukturen und Pro­zesse nutzten, wo also auch persönliche Verantwortung für Erfolg oder Mißerfolg der Weimarer Demokratie und den deutschen „Sonderweg” in der Krise benannt werden muß.

Diesem Frageansatz folgend, liegt ein besonderer Schwerpunkt des Quellenma­terials in der Ära der Präsidialkabinette 1930 -1933. In dieser Zeit wurde der Natio­nalsozialismus zur Massenbewegung, und hier vollzog sich die stufenweise Durchbrechung des demokratisch-parlamentarischen Systems von Weimar (Kap. IV), die eine wesentliche Voraussetzung für die Errichtung der faschistischen Diktatur bildete. In diesen Jahren fielen auch die grundlegenden Entschei­dungen, die Hitler den Weg in die Reichskanzlei schließlich möglich machten (Kap. V–VI). Breiter dokumentiert sind ferner die politischen, wirtschaftlichen und ge­sellschaftlichen Rahmenbedingungen: Dies bezieht sich zunächst auf die Grundlagen des Weimarer „Systems” (Verfassungsordnung – Machtverhältnisse) und die entscheidenden Weichenstellungen 1918/19 bis 1924/25, dem Beginn der relativen Stabilisierung (Kap. 1 und II). Grundprobleme der Sozialstruktur und des sozialen Wandels werden vor allem in Kap. III aufgegriffen. Im Sinne eines Per­spektivenwechsels soll hier auch „Betroffenheit” im Alltag unterschiedlicher sozialer Gruppierungen aufgezeigt werden. Gleichwohl dominiert die „große" Geschichte. Dies ist aber notwendig, wenn die zentralen Fragen nach den Ursachenzusammenhängen des 30. Januar 1933 überhaupt angesprochen werden sollen. Ein besonderes inhaltliches Anliegen ist schließlich, deutlich zu machen, daß ent­scheidende innenpolitische Weichenstellungen in Deutschland ohne den Wech­selbezug mit den Veränderungen des internationalen Systems der Zwischen­kriegszeit nicht hinreichend zu verstehen sind. Die Weimarer Außenpolitik (zur Grundproblematik ausführlicher Kap. II, Einleitung S.28) wird deshalb auch nicht separat dokumentiert, sondern sie bleibt eingebettet in den jeweiligen politischen Gesamtkontext (Abschnitte Kap. 1.3, 11.2, IV.2, V.2/3, VI.1 u. a.)

Als grundsätzliches Problem bleibt, daß alle komplexeren und z.T. tiefer in die Geschichte hineinreichenden Wirkungszusammenhänge nur schwer im Rahmen einer Quellenzusammenstellung für die Sekundarstufe 11/Kollegstufe zu doku­mentieren sind. Gleichwohl hat dieser Aspekt für die Herausarbeitung von über-greifenden Interpretationsmodellen und Theorien über das Scheitern von Weimar und die Ursachen des Nationalsozialismus grundlegende Bedeutung. Die Auto­rentexte zu Beginn der jeweiligen Hauptkapitel sollen diese Dimension, auch in bezug auf zentrale Punkte der Forschungsdiskussion, zumindest andeuten.

Zur Benutzung des Quellenheftes [bzw. der Online-Dokumentation] abschließend noch einige orientierende Hinweise: Die Auswahl und Zusammenstellung der Materialien ist so erfolgt, daß die selbständige Erarbeitung übergeordneter systematischer Zusammenhänge auch quer zu den jeweiligen Kapitelgliederungen gutmöglich ist. Die Thematik Soziale Schichtung und Mentalität (Kap. III.2) z. B. kann konkretisiert werden anhand verschiedener Quellen zum Wählerverhalten und seiner Interpretation (Kap. IV.4 u. a.). Oder etwa die Frage nach den Problemen der Verfassungsstruktur (Art. 48 WRV) ist in ihrer tatsächlichen Dimension zu erschließen aus einer Kombination der Basisinformationen (Kap. 1.2) einerseits und der zeitgenössischen Debatten und Politikstrategien 1929 ff. (vor allem Kap. IV.4) andererseits. Personenbezogene Querverbindungen zwischen den verschiedenen Texten und Sachzusammen­hängen lassen sich mit Hilfe der Kurzbiographien bzw. des Personenregisters (S.127-130) ohne Mühe herstellen. Die Materialien im Anhang (Reichstags­wahlen, Parteien, Kabinette, Karten) sowie die Zeittafel, die auf die im Heft dokumentierten Texte unmittelbar Bezug nimmt, sollen im übrigen den selbständigen Umgang mit dem Thema „Weimar” erleichtern. Diesem Zweck dient nicht zuletzt auch das thematische Stichwortverzeichnis am Schluß des Quellenheftes.

 

 

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Die Republik von Weimar 1918-1933
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Der Generalangriff der "Nationalen Opposition" 1931/32

Von Gast (nicht überprüft) , 24 Januar 2025

Im Jahr 1932 erreichte die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland stieg im Februar 1932 auf den absoluten Höchststand von 6,13 Millionen, und die politische Radikalisierung führte zu bürgerkriegsähn­lichen Auseinandersetzungen zwischen rechts und links. Der Aufstieg der NSDAP vollzog sich in einem atemberaubenden Tempo, aber bei der Reichspräsidenten­wahl im Frühjahr 1932 konnte Hitler die Mehrheit der Stimmen nicht erreichen und unterlag dem wiederkandidierenden Paul von Hindenburg. Es war jedoch unver­kennbar, dass die NSDAP inzwischen zu einem zentralen Faktor in der deutschen Politik geworden war: Ihr wuchsen jetzt nicht zuletzt wichtige gesellschaftliche Verbindungen zu, und auch führende Vertreter der Großindustrie begannen, ein Arrangement mit Hitler zu suchen. Wichtiger für Aufstieg und Erfolg der NSDAP blieb im wirtschaftlichen Bereich jedoch das Zusammenspiel mit den Agrariern und dem Reichslandbund.
Der Zusammenschluss der „Nationalen Opposition" zur „Harzburger Front" im Oktober 1931 markierte ein entscheidendes Datum, aber noch war die vereinigte Rechte weit davon entfernt, in programmatischer und auch personeller Hinsicht regierungsfähig zu sein. Vor allem war der amtierende Reichskanzler Brüning, der sich im Reichstag nach wie vor auf die Tolerierung durch die Parteien der „Großen Koalition" stützen konnte, zunächst noch notwendig, um die unpopuläre Vorarbeit der „Sanierung" zu erledigen. Insbesondere musste die Reparationsfrage geregelt sein. Insofern leitete der sich im Frühjahr 1932 immer deutlicher abzeichnende Reparationserfolg zugleich auch das politische Ende des Brüning-­Kabinetts ein (s. Quellen 76, 82, 85). In dieser Situation genügte ein Vorstoß der Großagrarier bei Hindenburg gegen das als „Agrarbolschewismus" gebrand­markte Programm der Reichsregierung, um die Demission Brünings herbeizu­führen.

 

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Der Weg in die Diktatur: Entscheidungen in Deutschland 1932/33

Von Gast (nicht überprüft) , 24 Januar 2025

Der Sturz Brünings und die Einsetzung des reaktionären Papen-Kabinetts im Mai/ Juni 1932 markierten einen entscheidenden Einschnitt in der politischen Entwick­lung zwischen 1930 und 1933. Der politische Szenenwechsel bestand in seinem Kern darin, dass nicht mehr wie bisher die Sozialdemokratie zur Tolerierung der Präsidialregierung hinzugezogen wurde, sondern die „Nationale Opposition" von NSDAP und DNVP diese Rolle übernehmen sollte. Insofern war es auch konse­quent, wenn von Papen mit dem Staatsstreich gegen die SPD-geführte preußische Regierung Braun-Severing am 20. 7. 1932 das letzte Bollwerk einer parlamentarisch-demokratischen Regierungsform im Reich zu beseitigen suchte. Der demonstrativ antiparlamentarische Reichskanzler von Papen scheiterte aber nicht zuletzt an dem mangelhaften Rückhalt im Reichstag, nachdem sich Hitler und die NSDAP zu der erhofften Duldung des Adelskabinetts nicht bereit fanden. Das Schlüsselereignis vom 13.8.1932, als Hindenburg dem Führerder NSDAP die Kanzlerschaft kategorisch verweigerte, bestimmte die letzten Monate des Weima­rer Staates: Der Streit der antidemokratischen Sieger über die Verteilung des Erbes.

In der Regierungszeit des letzten Kanzlers vor Hitler, dem Reichswehrgeneral Kurt von Schleicher, schien sich die Situation noch einmal grundlegend zu verändern. Schleicher zog die Schlußfolgerungen aus dem politischen Scheitern seines Vor­gängers, suchte wieder die Verbindung mit Sozialdemokratie und Gewerkschaf­ten und arbeitete an einer Spaltung der NSDAP durch die Einbeziehung des linken Flügels der Partei unter Gregor Strasser. Erstmals seit 1930 ging die politische Ent­wicklung wieder mehr zur Mitte und nach links, eine Tendenz zur Reparlamentarisierung wurde erkennbar. Auch die weitverbreitete These, dass sich die Großindu­strie geschlossen gegen die Regierung von Schleicher gestellt und jetzt die Machtübertragung auf Hitler betrieben habe, wird von den Quellen nicht bestätigt. Richtig ist vielmehr, dass der DIHT und auch die RDI-Führung Schleichers Kurs stützten, während der Reichslandbund das Kabinett wegen seiner Abwendung von dem Autarkiegedanken erbittert bekämpfte (s. Quellen 98, 104, 106). Anlass zur Hoffnung auf eine Fernhaltung der NSDAP von der Macht bestand zum Jahreswechsel 1932/33 also durchaus: Nicht zuletzt war jetzt erkennbar gewor­den, dass die Wirtschaftskrise ihren Tiefpunkt durchschritten hatte und eine Konjunkturbelebung bevorstand (s. Quellen 99-101).

Der Sieg Hitlers am 30.1.1933 war andererseits kein reiner Zufall. Er wurde möglich durch eine Intervention von Papens, der als Kanzler zwar restlos gescheitert war, aber nach wie vor das Vertrauen des Reichspräsidenten besaß. Hitlers „Machtergreifung" lag insofern in der Konsequenz der Zerstörung der Republik von rechts. Der zur Verfügung stehende Handlungsspielraum wurde von der prä­sidialen Exekutive in illusionärer Verkennung der realen Machtverhältnisse in der falschen Richtung genutzt: Nicht die konservative Rechte „engagierte" sich Hitler für ihre Zwecke, sondern der Führer der NSDAP nutzte das Bündnis mit den Konservativen, um die im autoritären System noch vorhandene Restsubstanz von Demokratie und Legalität endgültig zu zerschlagen und die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland zu errichten.

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Die Krisenjahre 1919-1923 und der Übergang zur Stabilisierung 1924-1926

Von Gast (nicht überprüft) , 24 Januar 2025

Die Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages und die Inkraftsetzung der Reichsverfassung im Sommer 1919 brachten der Weimarer Republik nicht die erhoffte Phase der inneren Beruhigung. Das Gegenteil war der Fall. Die Republik­gegner vor allem aus dem rechten Lager traten jetzt offen hervor und kündigten den sozialen und politischen Kompromiß von 1918 auf. Die häufig wechselnden Regierungen auf Reichsebene (s. Anhang, Übersicht Reichsregierungen 1918-1933) sahen sich mit einer Fülle nahezu unlösbarer innerer und äußerer Probleme konfrontiert, und mehr als einmal war die Existenz der staatlichen Ordnung gefährdet. Die Stichworte Kapp-Putsch, Ruhrbesetzung und Ruhrkampf, Inflation, kommunistischer Umsturzversuch in Sachsen/Thüringen und Hitler­Ludendorff-Putsch in Bayern kennzeichnen nur die besonders markanten Er­eignisse und Vorgänge. Erst mit der Ausgabe der Rentenmark und der Stabilisie­rung der Währung im November 1923 kam die Krise der Nachkriegsjahre zum Abschluß und endeten die Versuche, die Weimarer Demokratie mit Gewalt zu Fall zu bringen.
Daß die „Welle von rechts" 1923 überhaupt gestoppt werden konnte, hing ins­besondere mit einem Szenenwechsel in der internationalen Politik 1923/24 zu­sammen. Die Außenpolitik der Weimarer Republik ist auf den ersten Blick einzu­ordnen in das Beziehungsgefüge des überkommenen europäischen Staatensystems, und sie vollzog sich vor dem Hintergrund der schwierigen „Mittellage" Deutschlands zwischen Ost und West. Diese traditionelle, europazentrische Frageperspektive erfaßt jedoch eine für die Weimarer Jahre zentrale Strukturver­änderung im internationalen System nur unzureichend, nämlich die zunehmende Einflussnahme der Vereinigten Staaten auf die innereuropäische Entwicklung. Dies zeigte sich beim Übergang zur Stabilisierung 1924-1925 beispielhaft: Das neu er­wachte wirtschaftliche und politische Interesse der USA vornehmlich an Deutsch­land verlangte stabile Verhältnisse in Europa. Aus deutscher Sicht wiederum stell­te die Kooperation mit den Vereinigten Staaten nicht nur eine willkommene Hilfe gegen die militärische Sanktionspolitik Frankreichs dar, sondern war darüber hinaus als entscheidender Hebel zur Revision des gesamten Versailler Systems gedacht (s. vor allem Quellen 29 u. 30). Die Ausgleichspolitik Gustav Stresemanns gegenüber den europäischen Staaten stand dazu nicht im Widerspruch. Vielmehr zeigte die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund im September 1926, daß aus dem erbittert bekämpften Kriegsgegner von einst inzwischen ein gleichbe­rechtigter und geachteter Partner auf der europäischen Bühne geworden war. Vor diesem Hintergrund der inneren und äußeren Stabilisierung zwischen 1924 und 1926 stellte auch der Wechsel im Reichspräsidentenamt von dem Sozial­demokraten Friedrich Ebert zu dem kaiserlichen Feldmarschall Paul von Hinden­burg im Jahre 1925 zunächst kein ernsthaftes Problem für die verfassungsmäßige Ordnung der Republik dar.

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Die Weltwirtschaftskrise und der Übergang zum Präsidialsystem

Von Gast (nicht überprüft) , 24 Januar 2025

Der „Schwarze Freitag" an der New Yorker Börse am 24. 10. 1929 beendete scheinbar abrupt die Phase der weltwirtschaftlichen Stabilisierung der Zwischenkriegszeit. Es zeigte sich jetzt, daß die von führenden Wirtschaftsexperten der 20er Jahre vertretene Prognose einer dauerhaften Prosperität zu optimistisch gewesen war. Der Zusammenbruch der Weltwirtschaft und des Weltwährungssytems in der Großen Depression 1929-1933 muß vor allem auf Strukturfehler im Nachkriegsaufbau zurückgeführt werden. Dazu gehörten: die tiefgreifenden Störungen im internationalen Waren- und Kapitalverkehr durch Zollprotektionismus und Reparationsleistungen, eine weltweite strukturelle Krise in der Landwirtschaft, die Überproduktion in der Industrie und eine Überschätzung der Aufnahmefähigkeit der Märkte.
Die politischen Rückwirkungen der Großen Krise in Deutschland dokumentierten sich in einer Zuspitzung der Interessengegensätze zwischen den tragenden gesellschaftlichen Gruppierungen der Republik: Aus dem dramatisch eingeschränkten Verteilungsspielraum folgte der Bruch der Großen Koalition von Sozialdemokratie und bürgerlichen Parteien im März 1930 mit einer gewissen inneren Logik. Die ökonomische „Zwangslage" war aber, wie neuere Dokumente bestätigen, nur ein Teilaspekt der Gesamtproblematik. Einflußreiche Kreise um den Reichspräsidenten Hindenburg hatten schon vor Einsetzen der Krise Planungen entwickelt, die die Wiederherstellung einer autoritären Staatsordnung zum Ziele hatten (s. Quellen S. 69-72). In dem Zentrum-Führer Dr. Brüning fanden sie den Kanzler, der bereit war, diese Vorgaben umzusetzen. So ist weithin unstrittig, daß Brüning seine rigorose Sparpolitik nicht primär auf eine Überwindung der wirtschaftlichen Not in Deutschland orientierte, sondern für sein weltgespanntes Restaurationskonzept instrumentalisierte (s. Quellen 56 u. 68). Kontrovers diskutiert wird allerdings die Frage, ob eine andere, antizyklische Konjunkturpolitik überhaupt hätte erfolgreich sein können - und ob nicht der Grundfehler in Wirklichkeit in einer ökonomischen Überlastung der Republik durch die ausgedehnte Sozialpolitik der 20er Jahre gelegen habe.
Unabhängig davon ist festzustellen, daß die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Deutschland, so gravierend sie im einzelnen sein mochten, im internationalen Vergleich keine absolute Besonderheit beanspruchen konnten. Der Weg in den autoritären Staat war von daher nichtzwangsläufig, dies belegen nicht zuletzt die Diskussionen im Sommer 1930 und nach der Reichstagswahl vom 14.9.1930 (s. vor allem Quellen 61, 62, 64-66). Vielmehr ordnete sich die im Laufe des Jahres 1930 vollziehende Wendung zum Präsidialsystem ein in die schrittweise Lösung aus den Versailler Bindungen und den so neu gewonnenen Handlungsspielraum nach innen: Die entscheidenden Schritte nach rechts folgten jeweils unmittelbar auf außenpolitische Entlastungen (s. u. a. Quelle 58). Dabei bot allerdings erst die Krise die erforderlichen Rahmenbedingungen für eine Realisierung obrigkeitsstaatlicher Restaurationspläne. Die Polarisierung der politischen und sozialen Kräfte in Deutschland leistete einer zunehmenden Verselbständigung der präsidialen Exekutive Vorschub, die so auch grundlegende historische Weichenstellungen gegen das Votum maßgeblicher gesellschaftlicher und politischer Kräfte vollziehen konnte.

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Politische Weichenstellungen 1918/19

Von Gast (nicht überprüft) , 24 Januar 2025

Der Übergang vom Kaiserreich zur Republik war durch ein beträchtliches Maß an Kontinuität gekennzeichnet. Der neuen„ revolutionären" Regierung unter der Füh­rung des Sozialdemokraten Friedrich Ebert wurde die politische Macht vom letzten kaiserlichen Reichskanzler übertragen, und auch Bürokratie und Staatsverwal­tung führten die Geschäfte ohne Unterbrechung weiter fort. Schon den Zeitgenossen war fraglich, ob für die Verschiebung der Machtverhält­nisse, wie sie sich 1918/19 ereignete, der Begriff „Revolution" tatsächlich ange­messen war. Wenn überhaupt, dann war es eher eine „Revolution von oben", ange­ordnet von der „Obersten Heeres-Leitung" (OHL), die so die Verantwortung für die militärische Niederlage auf die neue politische Führung und das Parlament ab­wälzen wollte. Andererseits darf nicht übersehen werden, daß der Übergang zur parlamentarischen Regierungsform im Oktober 1918 noch vor Ende des Kaiser­reichs von den Mehrheitsfraktionen des Reichstags aus eigener Initiative ein­geleitet wurde.
Zu den umstrittensten Punkten in der Diskussion über die Novemberereignisse gehört die Frage, welchen Spielraum die Räteregierung besaß und ob die Führer der Mehrheitssozialdemokratie 1918/19 nicht die Chance zu einer grundlegenden Veränderung der überkommenen Machtverhältnisse ungenutzt verstreichen lie­ßen. Das Bündnis zwischen Ebert und der OHL ebenso wie die Vereinbarung über die „Zentralarbeitsgemeinschaft" vom November 1918 steckten bereits die Eck­punkte des Weimarer Kompromisses ab: Verzicht auf Sozialisierung gegen An­erkennung der Gewerkschaften und Ausbau der Sozialpolitik, Verzicht auf radi­kalen Eingriff in die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und Staatsorganisation gegen Anerkennung der politischen Führung durch Volksvertretung bzw. Mehrheitssozialdemokratie.
Die 1919 geschaffene Weimarer Reichsverfassung bestand in ihrem Kern aus einer Verknüpfung von Präsidialverfassung und parlamentarischer Verfassung. Ein Hauptproblem der Machtverteilung in der Weimarer Verfassung lag in der schwierigen Stellung des Reichskanzlers und der Reichsminister in ihrer doppel­ten Abhängigkeit vom Reichspräsidenten und vom Parlament. Es wäre aberfalsch, hier ein ursächliches Moment für die spätere stufenweise Durchbrechung der Verfassung zu sehen (vgl. Kap. IV, S. 68ff.). 1919 war völlig unstrittig, dass  der Artikel 48 niemals zu einer außerordentlichen Gesetzgebungskompetenz des Reichs­präsidenten zu verwenden war, wie dies zuerst 1923 und dann seit 1930 regelmäßig durch Notverordnungen geschah.
Ein außenpolitischer Handlungsspielraum bestand 1918/19 zu Beginn der Repu­blik noch nicht. Der im Juni 1919 unterzeichnete Versailler Vertrag war ein Diktat der alliierten Sieger. Der Versuch der Sieger, die Stellung des Deutschen Reiches als die einer geschlagenen Nation minderen Rechts in dem neuen „Weltsystem d ei Entente" auf Dauer zu fixieren, war allerdings sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht bereits vom Ansatz her problematisch Die Revision dieses „Versailler Systems" stand im Mittelpunkt der gesamten Weimarer Außenpolitik zwischen 1919 und 1932/33.

 

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Wirtschaft und Gesellschaft der 20er Jahre

Von Gast (nicht überprüft) , 24 Januar 2025

Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Weimarer Republik ist in ihren Grundzügen durch den fortschreitenden Industrialisierungsprozeß be­stimmt. Dieser Prozeß schlug sich in einer - langfristig gesehen - dramatischen Veränderung der sektoralen Erwerbsstruktur nieder. Die Landwirtschaft verlor rapide an Bedeutung, während der industriell-gewerbliche Sektor und in einer Phasenverschiebung der Dienstleistungsbereich gewannen (s. vor allem Abb. 14 u. 15). Mit der fortschreitenden Ent-Agrarisierung hing zugleich der Trend zur Urbanisierung zusammen.

Die Gesellschaft der Zwischenkriegszeit war durch ihre „Ungleichzeitigkeit" ge­kennzeichnet. Während Industrie und Gewerbe in der Anzahl der Beschäftigten jetzt die Führung übernommen hatten und tiefgreifende Klassengegensätze das Erscheinungsbild des Weimarer Staates prägten, blieb die Gesellschaft in ihrer Mentalität und ihren Leitbildern überwiegend vorindustriellen und ständischen Wertmustern verhaftet. Dies bezieht sich nicht nur auf die von der sozialen Deklas­sierung in der Industriegesellschaft vor allem betroffene Landwirtschaft und den alten Mittelstand, sondern auch auf große Teile des Bürgertums. Realgeschichtlich waren die 20er Jahre indes eine Blütezeit des expandierenden Industriekapitalismus: Die modernen Großunternehmungen im Chemie- und Elektrobereich konnten die traditionelle Vorherrschaft der Schwerindustrie bre­chen, sie formierten sich zu Konzernen und monopolisierten die Märkte, und sie suchten den Ausgleich mit der organisierten Arbeiterschaft (s. Quellen 45 u. 46). Auch bei den Wirtschaftstheoretikern der Arbeiterbewegung war der Optimismus in den 20er Jahren, ungeachtet der hohen strukturellen Arbeitslosigkeit, groß. Im sog. „organisierten Kapitalismus" schien die endgültige Überwindung der bisheri­gen zyklischen Krisen erreicht, und man sah den Weg in den Sozialstaat und die Wirtschaftsdemokratie untrennbar damit verbunden (s. Quelle 47). Allerdings: diese Schlußfolgerungen teilten selbst die verständigungsbereiten Unternehmer nicht. Trotzdem ist richtig, daß in diesen Jahren wegweisende sozialpolitische Errungenschaften durchgesetzt werden konnten.

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3