Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Theodor Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes: Über den Familiencharakter des bäuerlichen Betriebes und die Lebensanschauungen der Landarbeiter von 1925/32

Beinahe die Hälfte aller landwirtschaftlichen Arbeiter, 1,12 von insgesamt 2,4 Millionen, sind Knechte und Mägde, die im Haushaltsverbande des Arbeitge­bers leben. Ausweislich der Betriebszählung sind sie der weit überwiegenden Mehrzahl nach (mit 950 000!) in Betrieben zwischen 5 und 50 habeschäftigt. In den letzten Jahrzehnten hat sich zwar auch das Verhältnis des bäuerlichen Betriebspersonals zum Bauern merklich geändert, dennoch darf man noch heute im Hinblick auf mindestens einen großen Teil der Knechte und Mägde behaup­ten: auch in ihrer Stellung drückt sich der Familiencharakter des bäuerlichen Betriebes aus. Dieser Familiencharakter bedeutet nicht nur, daß die im Betrieb anfallende Arbeitslast zum erheblichen Teil von Familienangehörigen des Unternehmers getragen wird, sondern auch umgekehrt: daß die daneben ver­wendeten fremden Arbeitskräfte ihrer Stellung nach an dem familiären Stil des Betriebes teilhaben. Wohnung und Verpflegung im Haushalt des Arbeitgebers sind dabei noch nicht das Entscheidende; diese Merkmale treffen auch auf die städtischen Hausangestellten zu. Wichtig ist aber, daß die soziale Distanz sehr viel geringer ist. Das drückt sich in der Tischgemeinschaft mit dem Arbeitge­ber, im Connubium und andern Erscheinungen aus. Knecht und Magd gehö­ren zur Familie, werden auch vielfach mit ihrem Vornamen und dem Hofna­men des Bauern genannt. So dürfen die Knechte und Mägde, vielfach Kinder selbständiger Bauern, als Grenzlage zwischen landwirtschaftlichem Arbeiter und bäuerlichem Mittelstand betrachtet werden; jedenfalls trifft das auf die Großknechte und Großmägde zu.

Sind Freizügigkeit und Beweglichkeit in bezug auf Betrieb und Wohnsitz kenn­zeichnende Merkmale des Industriearbeiters, so ist der Landarbeiter sein Anti­pode innerhalb der Lohneinkommensbezieher, denn er ist meist auf eine Landschaft, oft auch als Häusler auf einen benachbarten Gutsbetrieb festge­legt... In keiner Gruppe der Arbeiterschaft ist das durchschnittliche Qualifi­kationsniveau so niedrig wie in dieser. Was aber die Lebensanschauungen angeht, so sind sie nirgends so konservativ wie hier; der Landarbeiter ist noch so sehr von feudalistisch-patriarchalischer Atemluft eingehüllt, daß er noch heute vielfach ohne erheblichen Widerspruch z. B. die Bevormundung bei politischen Wahlen seitens des Arbeitgebers hinnimmt.

Bestand/Signatur
Die soziale Schichtung des deutschen Volkes, Stuttgart 1932, S. 92 f.
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Kurztitel
Theodor Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes: Über den Familiencharakter des bäuerlichen Betriebes und die Lebensanschauungen der Landarbeiter von 1925/32
Datum bis: Jahr
1932
Legacy-ID
2515
Datum von: Jahr
1925
Einmaldatum
Nein
Institution-Autor
Theodor Geiger
Nur Jahresangabe
Ja
Reihenfolge
43
Ungefähres Datum
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