Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

LUTHER und EUROPA.  Wege der Reformation und der fürstliche Reformator Philipp von Hessen

Tafelausstellung des Hessischen Staatsarchivs Marburg, kuratiert von Justa Carrasco und Reinhard Neebe

 

Thematische Einführung in die Ausstellung

Die Reformation ist ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung - und was von ihr ausging ein Ereignis nicht nur von nationaler, sondern von europäischer, ja weltweiter Relevanz. So heißt es einleitend in den "Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017" des Wissenschaftlichen Beirats der EKD. In bemerkenswerten Kontrast dazu steht, dass der Fokus der Luther-Dekade bislang vor allem auf Wittenberg und den engeren Lebens- und Erfahrungshorizont des Reformators gerichtet wurde, während die vielgestaltige reformatorische Bewegung in ganz Europa noch kaum in den Blick genommen worden ist.

Die vorliegende Ausstellung Luther und Europa versucht, die Perspektive zu erweitern und nach den europäischen Dimensionen der Reformation und ihrer Hauptakteure zu fragen. Es geht ihr zunächst um den historischen Ausgangspunkt der Reformation, ihre Auswirkungen auf die Menschen und ihren Glauben, die reformatorischen Bekenntnisse und ihre weitere Entwicklung im politisch-historischen Rahmen. Mit Blick auf die "Anderen" wird die Frage gestellt, inwieweit die von Luther postulierte Freiheit eines Christenmenschen mit dem, was wir heute unter Glaubens- und Gewissensfreiheit verstehen, in Zusammenhang zu bringen ist.

Aus europäischer Sicht zeigt sich, dass neben Wittenberg auch andere Reformationszentren von Bedeutung sind, ohne die die Ausbreitung des neuen Glaubens in Europa und darüber hinaus nicht denkbar gewesen wäre: Diese Zentren sind insbesondere Zürich und Genf mit den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin.

Vor dem Hintergrund der in unterschiedliche Glaubensrichtungen "gespaltenen Reformation" rückt zugleich als weiteres Kernland der Reformation die Landgrafschaft Hessen in den Fokus: Der fürstliche Reformator Landgraf Philipp von Hessen führt nicht nur als einer der ersten den neuen evangelischen Glauben in seinem Lande ein, sondern agiert - weit über das Marburger Religionsgespräch von 1529 hinaus - als europäischer Mittler und zentraler "European Player" im Reformationszeitalter. Außenpolitisch handelt der hessische Landgraf im Netzwerk seiner Korrespondenzen und Begegnungen mit den wichtigsten europäischen Herrschern und den führenden Reformatoren seiner Zeit. Wie kein anderer versucht Philipp von Hessen, die Spaltung der europäischen Reformationsbewegung zu überwinden und ihre Verbreitung in ganz Europa zu unterstützen. Manche seiner europäischen Visionen bleiben freilich Utopie.

In einem weiteren zentralen Ausstellungsteil wird danach gefragt, wie und unter welchen Bedingungen sich Reformation in den verschiedenen Regionen Europas ausgebreitet hat - wo sie Erfolg hatte oder auch letztlich gescheitert ist. Einzelne Thementafeln zu den unterschiedlichen Entwicklungen in Nordost- und Südosteuropa, England, Schottland und Skandinavien, Frankreich, Spanien und den Niederlanden sollen zu einem Vergleich und der Frage nach den jeweiligen Ursachen anregen.

Am Schluss der Ausstellung steht ein Ausblick auf den Augsburger Religionsfrieden und das Konfessionelle Zeitalter: Mit Augsburg 1555 endet das Reformationszeitalter in Deutschland. Die Koexistenz von zwei Konfessionen ist damit anerkannt, aber das Ziel der konfessionellen Toleranz noch nicht erreicht.

 

Didaktisches Konzept der erweiterten Online-Version bei DigAM

Die vorliegende Online-Version der Ausstellung "Luther und Europa"  präsentiert die Kerninhalte der Tafeln sowie weiterführende Texte und Materialien des Begleitbuches (s.u.) - stellt darüber hinaus aber umfängliche vertiefende Quellen und Dokumente bereit: Was auf den Tafeln und auch im Ausstellungskatalog nur kurz angerissen werden kann, wird in der Internetfassung bei DigAM ausführlich dokumentiert: Zahlreiche Schlüsseldokumente der Darstellung/Präsentation werden vollständig wiedergegeben - und wo möglich, sowohl als Originaldigitalisat als auch in transkribierter Form.

Dazu gehören z.B. die vollständige Abbildung des Protokolls des Marburger Religionsgesprächs 1529, die ungekürzte Wiedergabe der Juden- und Türkenschriften Martin Luthers oder auch seiner reformatorischen Hauptschriften. Dem thematischen Fokus der Ausstellung folgend, werden ferner wichtige Materialien zum Wirken des fürstlichen Reformators Landgraf Philipp von Hessen online präsentiert - und zugleich der gesamteuropäische Kontext der Reformationsgeschichte in zentralen, gleichwohl oft nach wie vor abgelegenen Quellen ausgeleuchtet. 

Zahlreiche dieser Materialien, die in unmittelbarem Kontext mit den im Katalog oder auf den Tafeln angesprochenen Ereignissen stehen, werden in der vorliegenden DigAM-Ausstellung erstmals online zugänglich gemacht. Mit diesem Angebot eröffnet sich die Möglichkeit zur vertiefenden Erschließung der verschiedenen Themenkomplexe des Reformationsgeschehens - nicht zuletzt als Grundlage eigenständiger Urteilsbildung und Bewertung.

Für Schule und Unterricht bietet sich eine arbeitsteiligen Vorgehensweise sowohl in Einzel- als auch Gruppenarbeit an, die dem DigAM zugrunde liegenden wissenschaftspropädeutischen Ansatz folgt.  Unterrichtsbegleitendes Material als vierte Säule - neben der Tafelausstellung, dem gedruckten Ausstellungskatalog sowie der vorliegenden Internetpräsentration bei DigAM - erschließt einen weiteren, explizit auf Schülerinnen und Schüler ausgerichteten didaktischen Zugang: Die Arbeitsblätter für Schule und Unterricht (s.u.) liegen als spezifisches Lernangebot für den Schulunterricht seit 2016/17 vor.

 

Begleitbuch zur Ausstellung

Justa Carrasco und Reinhard Neebe, Luther und Europa. Wege der Reformation und der fürstliche Reformator Philipp von Hessen. Schriften des Hessischen Staatsarchivs Marburg Bd. 30, Marburg 2015 (Nachdruck 2016)


Arbeitsblätter

Justa Carrasco und Reinhard Neebe, Luther und Europa. Arbeitsblätter für Schule und Unterricht. Schriften des Hessischen Staatsarchivs Marburg Bd. 33, Marburg 2016

Beide Publikationen sind über das Hessische Staatsarchiv Marburg oder auch im Buchhandel erhältlich

 

 

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Kurztitel
Luther und Europa
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Augsburgische Konfession 1530 und der Schmalkaldische Bund

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 14: Augsburgische Konfession 1530 und Schmalkaldischer Bund 

Auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 zeigt sich, dass die evangelischen Christen kein gemeinsames Bekenntnis vorlegen können, sondern unterschiedliche Konzepte einreichen:

- die Confessio Augustana, die Lutherische Position, von Philipp Melanchthon verfasst und dem Kaiser übergeben von den sechs führenden protestantischen Fürsten, an der Spitze Kurfürst Johann von Sachsen und Landgraf Philipp von Hessen.

- die Confessio Tetrapolitana der vier oberdeutschen Städte Konstanz, Memmingen, Lindau und Straßburg, von Martin Bucer und Wolfgang Capito formuliert, sowie

- die Fidei Ratio (Rechenschaft über den Glauben) für die Schweiz, verfasst von Huldrych Zwingli.

Dabei wird die Confessio Augustana, die erst im Augsburger Religionsfrieden von 1555 Anerkennung als gültiges Reichsrecht findet, zur wichtigsten protestantischen Bekenntnisschrift. Bis heute ist sie für viele Landeskirchen die gültige Bekenntnisgrundlage. In der strittigen Abendmahlsfrage folgt sie der lutherischen Auffassung der leiblichen Gegenwart Christi im Brot und Wein. Die bereits im Marburger Religionsgespräch offenbar gewordene dogmatische Spaltung zwischen den Lutheranern und den Schweizer Reformatoren und ihren Anhängern verfestigt sich damit weiter. Dem intensiven Bemühen von Landgraf Philipp ist es im Zusammenspiel mit dem Straßburger Reformator Martin Bucer und Melanchthon zu verdanken, dass 1536 auf Grundlage der Wittenberger Abendmahlskonkordie eine Einigung zwischen den Lutheranern, Straßburg und den meisten oberdeutschen Städten erreicht werden kann. Um dazu ein Gegengewicht zu schaffen, formulieren 1536 die Schweizer Reformierten die Confessio Helvetica minor.

Der Augsburger Reichstag hat auch gezeigt, dass sich die Protestanten zur Verteidigung ihres Bekenntnisses in einem politisch-militärischen Schutzbündnis vereinigen müssen. 1530/31 initiiert Philipp von Hessen die Gründung des Schmalkaldischen Bundes, der sich insbesondere bei der Rückgewinnung Württembergs 1534 als bedeutsam erweist. Der hessische Landgraf kann nach erfolgreicher militärischer Intervention die Wiedereinsetzung des zum lutherischen Glauben übergetretenen Herzogs Ulrich durchsetzen und so die Voraussetzung dafür schaffen, dass in Württemberg die lutherische Reformation eingeführt wird. Aufgrund der Bekenntnisfrage bleibt der Schmalkaldische Bund für die Zwinglianer grundsätzlich verschlossen - durchaus gegen die Absichten Philipps, der seine Mittlerrolle zwischen den streitbaren europäischen "Konfessionsverwandten" keineswegs aufzugeben gewillt ist.

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Das Marburger Religionsgespräch 1529

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 12: Zeugnis der Einheit oder verpasste Chance?

Das Marburger Religionsgespräch 1529 markiert ein grundlegendes Ereignis in der europäischen Reformationsgeschichte. In Marburg treffen zum ersten und einzigen Male die führenden Vertreter der beiden Hauptrichtungen der reformatorischen Bewegung in Europa, Luther und Zwingli, aufeinander, um nach einer Lösung im Abendmahlsstreit zu suchen. In der Abendmahlsfeier knüpfen die Christen an das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern am Abend vor seiner Gefangennahme und seinem Kreuzestod an, bei dem er seinen Leib in Gestalt von Brot und Wein zum bleibenden Zeichen seiner Gegenwart in der christlichen Gemeinschaft reicht. Während Luther und die Wittenberger glauben, dass im Abendmahlsgottesdienst der wahre Leib und das wahre Blut Christi gegenwärtig sind (Realpräsenz), sehen Zwingli und die Reformatoren aus den oberdeutschen Städten (Zürich, Basel, Straßburg) darin ein Gedächtnismahl, das nur im übertragenen Sinne verstanden werden kann. Die Kontroverse zwischen Luther und Zwingli reicht bis in die Jahre 1524/25 zurück, gewinnt aber bis 1529 eine eminente politische Bedeutung, die weit über einen nur theologischen Bekenntnisstreit hinausgeht.

Unmittelbarer Anlass der Marburger Begegnung ist der 2. Reichstag zu Speyer, auf dem die evangelischen Stände im April 1529 eine "Protestation" gegen die Wiederinkraftsetzung des Wormser Edikts eingelegt und unter maßgeblicher Führung von Landgraf Philipp von Hessen einen geheimen vorläufigen Beistandspakt abgeschlossen haben. Für Philipp ist klar, dass die Protestanten, wie sie sich seit Speyer nennen, nur dann gegen Kaiser und die römische Papstkirche auf Dauer bestehen können, wenn sie in der Lage sind, ihre dogmatischen Gegensätze zu überwinden und sich zugleich auch zu einem politisch-militärischen Bündnis zusammenzuschließen.

Maßgeblicher Gegenspieler Philipps in diesen Fragen ist zunächst Luther selbst, der bereits vor dem Marburger Religionsgespräch seinen eigenen Landesherren, den Kurfürsten Johann von Sachsen, vor dem Bundmachen des hessischen Landgrafen nachdrücklich gewarnt hat, nicht zuletzt weil in einem solchen Bündnis auch die mutwilligen Feinde Gottes, das heißt Zwingli und seine Anhänger, eingeschlossen sein werden. Vor diesem Hintergrund steht das theologische Scheitern des Marburger Gesprächs wohl von vorneherein fest - eine verpasste Chance gleichwohl: Immerhin kann in 14 Punkten der Marburger Artikel - bis auf die Frage der Realpräsenz im Abendmahl in -Artikel 15, dem ausschlaggebenden Exklusionspunkt - eine Einigung erzielt werden. Es ist das einzige gemeinsame Bekenntnisdokument der Evangelischen mit den Unterschriften sowohl Luthers als auch Zwinglis. Mit den wenig später von den Wittenberger Theologen vorgelegten Schwabacher Artikeln wird die dogmatische Spaltung der europäischen Reformationsbewegung dann für annähernd 450 Jahre endgültig fixiert. Erst mit der Leuenberger Konkordie von 1973 kann der Streit überwunden und die Kirchengemeinschaft von lutherischen und reformierten Kirchen begründet werden.

Wenn Landgraf Philipp auch das von ihm angestrebte umfassende Bündnis der Protestanten gegen den Widerstand der Wittenberger in der Bekenntnisfrage nicht zustande bringen kann, so gelingt es ihm in Marburg doch, mit Zürich, Basel und Straßburg einen richtungsweisenden politisch-militärischen Bündnisvertrag zu vereinbaren. Dieses im November 1530 in Kraft getretene Bündnis, das sogenannte "Christliche Verständnis", wird nach dem Tode Zwinglis in der Schlacht bei Kappel (Oktober 1531) zwar keine historische Wirkung mehr entfalten, dient aber als Vorlage für den Schmalkaldischen Bündnisvertrag von 1531 - dann freilich ohne Straßburg und die Schweizer Städte.

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Der Augsburger Religionsfrieden 1555

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 23: Der Augsburger Religionsfrieden 1555

Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 endet das Reformationszeitalter in Deutschland: Die "Augsburgische Konfession" wird als gleichberechtigtes Bekenntnis neben der katholischen Religion anerkannt und reichsrechtlich bestätigt. Wenn auch an dem Ziel eines Religionsausgleichs zwischen Katholiken und Protestanten noch ausdrücklich festgehalten wird, so ist mit Augsburg die konfessionelle Spaltung des Reiches doch endgültig besiegelt. Die universale, auf der religiösen Einheit beruhende Kaiseridee ist gescheitert und die Zentralgewalt im Reich noch weiter geschwächt - zugunsten der Territorialfürsten.

Karl V. kommt der Bewilligung des Augsburger Reichstagsabschieds durch die Niederlegung seiner Kronen zuvor, ein historisch beispielloser Vorgang. Bei seinem freiwilligen Rückzug von der Macht zeigt sich der Kaiser noch einmal als gelehriger Schüler des Erasmus: Dieser hatte dem jungen Prinzen Karl in seiner Institutio Principis Christiani (Die Erziehung eines christlichen Fürsten) 1516 den Ratschlag mit auf den Weg gegeben, in einer Situation, in der er seine Herrschaft nur um den Preis von Rechtsverletzungen, großem Blutvergießen oder einer ungeheuren Beschädigung der christlichen Religion behaupten könne, lieber abzudanken und den Umständen zu weichen. Immerhin sichert Karl V. durch die Übertragung der spanischen Krone auf seinen Sohn Philipp II. die unverbrüchliche Erhaltung der katholischen Lehre in Spanien - und damit auch im gesamten spanischen Imperium der Neuen Welt.

Den Augsburger Reichstagsabschied unterzeichnet König Ferdinand, Karls Nachfolger auch im Kaiseramt. Die Hauptbestimmungen des Religionsfriedens 1555 sind:

  1. Gleichstellung der katholischen und lutherischen Konfession: Der Religionsfrieden gilt nur für die Anhänger der Augsburgischen Konfession und der alten Religion (Katholiken), Reformierte und andere bleiben ausgeschlossen.
  2. Die Untertanen müssen dem Bekenntnis des Landesherren (ius reformandi ) folgen (cuius regio eius religio); nur in den Reichsstädten gibt es religiöse Toleranz.
  3. Untertanen, die aus Gründen der Religion ihr angestammtes Land verlassen wollen, haben das Recht zur Auswanderung (ius emigrandi). 

Der Augsburger Religionsfrieden ist noch nicht ein Dokument konfessioneller Toleranz, denn innerhalb der Territorien besteht nur Religionsfreiheit für den Landesherren, dessen Glaubenszugehörigkeit für die Untertanen bestimmend wird. Gleichwohl zeigen sich in Augsburg erste Ansatzpunkte einer Entwicklung, die religiöse Koexistenz unterschiedlicher Konfessionen auf friedliche Weise zu gewährleisten und das Reich aus der verhängnisvollen Verbindung von Religion und Politik zu lösen.

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Die Züricher und Genfer Reformation: Zwingli, Bullinger und Calvin

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 16: Die Züricher und Genfer Reformation: Zwingli, Bullinger und Calvin 

Wittenberg ist nicht der alleinige und früheste Ausgangspunkt der Reformation, sondern daneben hat es andere, davon unabhängige Zentren gegeben. Dazu gehört insbesondere Zürich in der Schweizer Eidgenossenschaft. Während Wittenberg das Modell einer vom Landesherren bestimmten Fürstenreformation ist, steht Zürich für eine autonome städtische Reformation, getragen von einem wirtschaftlich und politisch leistungsfähigen Bürgertum. Zentralfigur der Schweizer Reformation ist der vom Humanismus geprägte Huldrych Zwingli (1484-1531), der Erasmus persönlich begegnet und von diesem maßgeblich beeinflusst ist. Zwingli hat stets betont, dass er unabhängig von Luther und schon vor ihm zum Evangelium gekommen sei:  Ich habe das Evangelium Christi im Jahre 1516 zu predigen angefangen, ehe in unserer Gegend noch irgend jemand von Luthers Namen gewusst hat. 1519 wird Zwingli Leutpriester am Großmünster in Zürich und leitet dort 1522 die Reformation ein, die sich auch in Bern, Basel, St. Gallen und anderen Städten schnell ausbreitet und mit der Säkularisation der Klöster und der Abschaffung der Messe 1525 abgeschlossen ist.

Luther ist für Zwingli zunächst ein trefflicher Streiter Gottes, im Kampf gegen das römische Papsttum von niemandem übertroffen. In der Abendmahlslehre kommt es aber schon früh zum Konflikt zwischen den Schweizer Reformatoren und dem Luthertum, den auch Philipp von Hessen 1529 beim Marburger Religionsgespräch und verschiedenen späteren Vermittlungsversuchen nicht überbrücken kann. Mit dem Nachfolger Zwinglis, dem in Deutschland zu Unrecht vergessenen Heinrich Bullinger (1504-1575), verbindet Philipp eine lebenslange intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Bullinger ist für den hessischen Landgrafen die zentrale Vermittlungsinstanz zwischen den Anhängern der Augsburgischen Konfession und den Reformierten in der Schweiz und anderen Teilen Europas. Ihr intensiv geführter Briefwechsel erweist, dass in allen Fragen einer übergreifenden europäischen Unionspolitik nicht Luther und die Wittenberger, sondern Bullinger der erste Ansprechpartner Philipps ist.

Nach dem Tode Zwinglis (1531) wird Genf mit Johannes Calvin (1509-1564) bald zu einem neuen Mittelpunkt der reformierten Lehre - mit Ausstrahlung seiner Prädestinationslehre vor allem nach Westeuropa und schließlich auch Nordamerika (Puritaner). Ein Auseinandergehen der Schweizer und der calvinistischen Reformation wird durch eine Einigungsformel in der Abendmahlsfrage, die Bullinger und Calvin 1549 im Consensus Tigurinus finden, verhindert. Bullingers Confessio Helvetica posterior (1561/66) beeinflusst die Reformation im europäischen Maßstab nachhaltig - kann aber nicht, wie von diesem eigentlich beabsichtigt, auch eine Brücke zu den Evangelischen in Deutschland bauen. Am Ende des Reformationszeitalters zeigt sich, dass die Spaltung zwischen Lutheranern und Reformierten zu zwei protestantischen Konfessionen geführt hat.

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England und Schottland, Dänemark und Skandinavien

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 20: Reformation in England und Schottland, Dänemark und Skandinavien

Die reformatorischen Lehren erreichen zu Beginn der 1520er Jahre auch England - maßgeblich gefördert durch William Tyndale und Robert Barnes, die beide in Wittenberg (1524/1528) zu überzeugten Anhängern Luthers geworden sind. Während sich König Heinrich VIII. (1509-1547) zunächst als entschiedener Verteidiger des katholischen Glaubens zeigt, vollzieht er 1531/34 den Bruch mit Rom, als Papst Leo X. die Annullierung seiner Ehe mit Katharina von Aragon verweigert. Mittels der Suprematsakte von 1534 macht sich Heinrich zum alleinigen Oberhaupt der Kirche von England, der Anglicana Ecclesia, die zunächst eng am römisch-katholischen Vorbild orientiert bleibt.

In seiner Scheidungssache hat Heinrich VIII. zuvor auch den hessischen Landgrafen Philipp eingeschaltet, der wiederum auf Luther einzuwirken versucht, um ein zustimmendes theologisches Gutachten aus Wittenberg zu bekommen. Der Versuch Philipps, Heinrich VIII. für den Schmalkaldischen Bund zu gewinnen, bleibt indes erfolglos. Erst unter Heinrichs Nachfolger Eduard VI. (1547-1553) wird die innere Kirchenreform weiter ausgestaltet ("Book of Common Prayer" 1549/52). Dabei gewinnt die Züricher reformierte Richtung bestimmenden Einfluss - nicht zuletzt durch Martin Bucer, der seit 1549 im englischen Exil in Cambridge wirkt, oder Johannes a Lasco. Unter Königin Elisabeth I. (1558-1603) wird die anglikanische Staatskirche - nach dem gescheiterten Rekatholisierungsversuch unter Maria I. Tudor (1553-1558) - schließlich endgültig etabliert.

Ähnlich wie in England ist die evangelische Bewegung in Schottland zunächst durch die Lehren Luthers geprägt. Patrick Hamilton (1504-1528) aus St. Andrews wird zum ersten Märtyrer Schottlands, nachdem er 1527 an der neu gegründeten Universität Marburg bei Franz Lambert von Avignon studiert hatte. Hamiltons Marburger Disputationsthesen werden posthum in seinem Werk Patrick’s Places verbreitet, ein Buch, das zum "Bestseller" und wichtigsten Multiplikator der reformatorischen Ideen in Schottland wird. Wegen lutherischer Häresien wird Hamilton 1528 zum Tode verurteilt und in St. Andrews auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Wie in England wird das Luthertum auch in Schottland seit den 1540er Jahren zunehmend verdrängt. Bedeutendster Akteur der schottisch-calvinistischen Reformation ist John Knox (1514-1572, maßgeblicher Mitverfasser der Confessio Scotica (1560), die zur Grundlage der schottisch-reformierten Kirche wird.

Schon früh kann sich die evangelische Lehre in Skandinavien - ausgehend von den norddeutschen und baltischen Handelsstädten - ausbreiten. Gleichwohl ist es wie in England eine Reformation "von oben": Während in Schweden der Bruch mit Rom bereits 1527 durch die Ernennung König Gustavs I. Wasa zum Oberhaupt der Schwedischen Kirche eingeleitet wird, erfolgt die Einführung der Reformation in Dänemark und Norwegen erst eine Dekade später unter König Christian III. (1503-1559). 1533 wendet sich Christian ratsuchend an den hessischen Landgrafen Philipp, der in seiner Antwort das hessische Reformationsprogramm als beispielhaftes Modell vorstellt und vor allem dazu rät, bei der Auflösung der geistlichen Güter einvernehmlich mit dem Adel und den Ständen vorzugehen. Nicht zuletzt mit Unterstützung des Landgrafen kann sich Christian III. schließlich im Kampf um die dänische Thronfolge durchsetzen und 1536/37 die evangelische Staatskirche in Dänemark begründen. Auf Grundlage der von Johannes Bugenhagen erarbeiteten Ordinatio Ecclesiastica wird die Reformation 1537 in den Königreichen Dänemark und Norwegen und in den Herzogtümern Schleswig undHolstein durchgeführt.

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20

Frankreich und die Hugenotten

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 21: Hugenotten in Frankreich

In Frankreich werden die ersten Schriften Luthers bereits ab 1519 verkauft und stoßen namentlich bei den Professoren der Pariser Sorbonne auf zustimmendes Interesse. Der neue Glaube, der in der ersten Phase als luthérien bezeichnet wird, gewinnt zunächst in den großen Städten - neben Paris besonders Lyon und Meaux - an Boden, bevor er auch das Land erfasst. Der zunehmende Einfluss Calvins von Genf auf die französische Reformationsbewegung trägt seit den 1540er Jahren wesentlich zur Organisierung der Hugenotten, wie die Protestanten in Frankreich bald genannt werden, bei. Das in Calvins Institution de la religion chrétienne (frz. Ausgaben ab 1541) manifestierte theologische System koordiniert in der Folge die bisher locker nebeneinander lebenden Gruppen und die verschiedenen Lehrmeinungen. Die endgültige Ausformung der Kirchenorganisation und Lehre erfolgt dann auf der Nationalsynode der reformierten Gemeinden Frankreichs 1559 in Paris (Confessio Gallicana). Die Reformierten machen mit etwa 1-2 Millionen Anhängern zwar nicht mehr als 5-10% der Gesamtbevölkerung aus. Aber mit dem Anschluss der führenden französischer Häuser Bourbon, Condé und Coligny erfahren die Hugenotten eine entscheidende politische Stärkung und werden zu einem wichtigen Faktor im Machtkampf der Adelsparteien in Frankreich.

In den Jahren ab 1559 wird der Religionskonflikt in Frankreich zu einem gesamteuropäischen Problem: Wieder ist es von den protestantischen Fürsten in Deutschland Landgraf Philipp von Hessen, der die Initiative ergreift und für ein friedliches Nebeneinander der Konfessionen in Frankreich eintritt: Ganz falsch wäre es, wenn die deutschen Protestanten ihre französischen Glaubensverwandten wegen des Abendmahlstreits verdammten und die vorbehaltlose Anerkennung der Confessio Augustana zur Vorbedingung ihrer Unterstützung machten. Im Falle eines allgemeinen Bürgerkriegs (civile bellum) und eines möglichen Sieges der Papisten in Frankreich, so Philipp 1561, sei die Ausübung der freien christlichen Lehre auch in Deutschland in Gefahr.

Als die Hugenotten nach dem Massaker von Vassy (März 1562) um direkte Waffenhilfe nachsuchen, finanziert der hessische Landgraf zusammen mit Kurfürst Friedrich von der Pfalz und Christoph von Württemberg eine Bürgschaft von 100.000 Gulden. Damit werden einige tausend Söldner (auch aus Hessen) bezahlt, die Coligny und Condé freilich vergeblich zur Hilfe kommen. Gleichzeitig besorgt Philipp zusammen mit seinem Sohn, Landgraf Wilhelm IV., bei Andreas Kolbe in Marburg den Erstabdruck der berühmten Déclaration des Prinzen Condé in deutscher Sprache. Dieses Manifest vom 8. April 1562 begründet das militärische Eingreifen der hugenottischen Partei und steht am Anfang der bis 1598 andauernden Hugenottenkriege.

Eine eingeschränkte Religionsfreiheit für die französischen Hugenotten garantiert erst das Edikt von Nantes (1598), allerdings nur bis 1684/85. Nach der Aufhebung des Edikts durch Ludwig XIV. und der Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich gehört die Landgrafschaft Hessen-Kassel (deren Landesherr inzwischen zur reformierten Religion übergetreten ist) zu den Territorien, in denen die französischen Flüchtlinge eine neue Heimat finden.

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Frauen in der Reformationszeit

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 6: Die Frauen in der Reformationszeit

Es versteht sich von selbst, dass ein Ereignis wie die Reformation alle Gesellschaftsschichten sowie beide Geschlechter betrifft. Auch wenn Männer die reformatorischen Wortführer darstellen, gibt es eine Reihe von Frauen, welche die reformatorischen Bestrebungen begleitet und mitgeprägt haben.  Es sind dies vor allem die Ehefrauen der Reformatoren selbst wie Katharina von Bora, Luthers „Herr Käthe“. Diese geben ihren Ehemännern häuslichen Rückhalt und Sicherheit und repräsentieren das evangelische Bild der Frau als Mutter und Haushaltsvorstand. Das Zölibat als christliches Ideal wird abgelöst von der Ehe als Modell guter Lebensführung, wobei die rechtliche Stellung der Frau sich nicht wesentlich ändert: Die Frau bleibt dem Mann untergeordnet, ist Beistand und der Männer Lust und Freude (Martin Luther). In den Gattinnen der Reformatoren ist die Position der Frau im Pfarrhaus vorgebildet, die das emotionale, intellektuelle wie auch das spirituelle Klima der protestantischen Kultur nachhaltig beeinflussen wird.

In der Reformationszeit gibt es durchaus radikalere Forderungen einer Neupositionierung der Frauen, die über die Rolle als Hausfrau und Mutter hinausgehen. Durch die Übersetzung der Bibel in die Alltagssprache und durch das protestantische Ideal des Priestertums aller Getauften hätte die Rolle der Frau insgesamt neu formuliert werden können. Doch Paulus' Forderung Die Frau aber schweige in der Gemeinde (1 Kor. 14, 34) bleibt vorherrschend vor einer heute als Gleichheit von Frau und Mann verstandenen Aussage, wie sie sich im sog. 2. Schöpfungsbericht des Menschen  findet: Als Mann und Frau schuf er sie (Gen. 1, 27). „Aufsässige“ Frauen, die sich in die theologischen Diskussionen einmischen, wie Argula von Grumbach, Luther-Anhängerin in Ingolstadt, oder Elisabeth von Rochlitz, theologisch gut informierte und streitbare Schwester des Landgrafen Philipp von Hessen, haben auch in der protestantischen Geschichtsschreibung wenig Aufmerksamkeit gefunden.

So ist festzuhalten, dass die Reformation die Stellung der Frau in rechtlicher Hinsicht nicht wesentlich verändert hat. Sie ist zwar theologisch Miterbin der Gnade (Martin Luther), aber sozial gesehen verbleibt sie in einer dem Mann klar untergeordneten Position. Zudem wird ihr – durch Abschaffung der Orden - ein Leben in selbstständig organisierter, weiblicher Gemeinschaft unmöglich gemacht. Für alleinstehende protestantische Frauen gibt es im kirchlichen Bereich nach der Auflösung der Klöster (mit Ausnahme von adligen Damenstiften) keine Alternative zu Ehe und Familie, dies ändert sich erst mit der offiziellen Gründung der weiblichen Diakonie im 19. Jahrhundert.

Nichtsdestotrotz profitiert eine relativ kleine Gruppe von Frauen vom Bildungsangebot des Protestantismus. So gibt es neue Handlungsspielräume für manche der zu den herrschenden Dynastien gehörenden Frauen – Teilhabe an Herrschaft wird durch die konfessionelle Bindung auch in kleinen Territorien möglich, wie am Beispiel der Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg zu sehen ist, die einen neuen Typ von Regentin verkörpert. Als erste Frau verfasst sie ein den lutherischen Vorgaben herrschaftlichen Handelns entsprechendes „Regierungshandbuch". Es hat ihr den Beinamen "Mutter der Reformation“ eingetragen.

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Gegenreformation und Konfessionelles Zeitalter

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 24: Gegenreformation und Konfessionelles Zeitalter

Unter dem Druck der Reformation erneuert sich die römische Kirche; sie wird dadurch zur neuen katholischen Kirche. Ziel dieser Neudefinition, deren sichtbarster Ausdruck die 1534 von Ignatius von Loyola gegründete Societas Jesu (Jesuiten) darstellt, ist die Rekatholisierung der protestantisch gewordenen Gebiete. Im Konzil von Trient (1545-1563) werden die dogmatischen Voraussetzungen dafür geschaffen und ein Programm für die Gegenreformation entwickelt: Religiöse Unterweisung der Massen, Ausbildungsinstitutionen für den Klerus, eine Kurzfassung der Glaubensinhalte im Katechismus, Kontrolle des Glaubens durch die Inquisition. Träger der Gegenreformation sind die Jesuiten. Nach den Tridentinischen Konzil wird zwar die friedliche Missionierung versucht, oft aber endet die Frontstellung von Gegenreformation und Reformation, vor allem aus machtpolitischen Gründen, in kriegerischen Auseinandersetzungen.

Beim Versuch der Habsburger, die spanischen Niederlande nicht protestantisch werden zu lassen, findet die jesuitisch geprägte Gegenreformation ein erstes Zentrum – doch die Rekatholisierung scheitert. Der Kampf um die konfessionelle Einheit der Niederlande steht am Beginn der religiös wie machtpolitisch bedingten Konfessionskriege nach dem Augsburger Religionsfrieden. In Frankreich findet der Religionskampf im Blutbad an den Hugenotten in der Bartholomäusnacht 1572 einen traurigen Höhepunkt.

Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 beginnt das Zeitalter der Konfessionalisierung. Für das Deutschen Reich bedeutet das Machtzuwachs der einzelnen Territorialfürsten, räumliche Zersplitterung, oft aufgezwungene Religion. Herrschaftsausübung im frühmodernen Staat ist nun zugleich Religionskontrolle und absolutistische Disziplinierung der Untertanen. In Frankreich, wie im übrigen Europa, bilden sich Staatskirchen aus.

Höhepunkt der konfessionellen Auseinandersetzung ist der Dreißigjährige Krieg (1618-1648). Dieser hat mit der Wahl des Führers der protestantischen Union, Friedrich V. von der Pfalz, zum böhmischen König begonnen. 1620 verliert die protestantische Seite die entscheidende Schlacht am Weißen Berg bei Prag. Dreißig Jahre lang tobt der Religionskrieg als europäische Auseinandersetzung. Was als Krieg um den Glauben begonnen hat, wird als reiner Kampf um die Hegemonie der beteiligten Staaten enden. Beim Westfälischen Frieden ist Europa zerstört, entvölkert und bis zur Toleranzbereitschaft erschöpft.

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24

Kaiser und Mönch: Luther und Karl V. in Worms 1521

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 5: Kaiser und Mönch: Luther und Karl V. in Worms 1521

Im April 1521 muss sich Luther auf dem Reichstag zu Worms vor Kaiser und Reich für seine neuen Lehren verantworten. Hierbei kommt es zu einer historisch denkwürdigen Begegnung mit dem neugewählten Kaiser Karl V. Als weltlicher Arm der Kirche hat der Kaiser den inzwischen von Papst Leo X. ausgesprochenen Kirchenbann gegen Luther zu vollstrecken. Bevor eine Verurteilung und die Reichsacht ausgesprochen werden kann, muss allerdings eine Anhörung vor den Reichsständen erfolgen, wobei Karl V. dem Beschuldigten das freie Geleit auch für die Rückreise zugesichert hat. Luther bekennt sich in einem zweimaligen Verhör nachdrücklich zu seinen Büchern und Schriften und weigert sich standhaft, seine Aussagen zu widerrufen - es sei denn, er könne durch Zeugnisse der Heiligen Schrift widerlegt werden. Daraufhin verhängt der Kaiser im "Wormser Edikt" vom 26. Mai 1521 die Reichsacht über Luther und seine Anhänger. Der Reformator selbst wird für vogelfrei erklärt, Druck und Verbreitung aller seiner Bücher werden untersagt.

Bemerkenswert an dem Wormser Auftritt Luthers ist nicht zuletzt, dass der Kaiser sich zu einer Gegenerklärung herausgefordert sieht, in der er ein persönliches Bekenntnis ablegt und sein religionspolitisches Programm offenbart: Der humanistisch geprägte Monarch, vom Typus eher Künstler oder feinsinniger Gelehrter, versteht sich als Repräsentant eines universalen, christlich begründeten Kaisertums, der die Einheit der ganzen Christenheit zu bewahren und schützen hat. Wie sich während seiner gesamten Regierungszeit bis 1555 zeigt, ist die Wiederherstellung der kirchlichen Einheit des Abendlandes das Ziel, das Karl V. aus tiefster innerer Überzeugung verfolgt: Die religiöse Spaltung soll dabei nicht einfach nur durch Verdammung und blindwütige Bekämpfung des Protestantismus, sondern unter Einbindung auch der römisch-katholischen und päpstlichen Seite in gemeinschaftlichen Religionsgesprächen und einem großen allgemeinen Konzil dauerhaft überwunden werden.

Nach dem Tode Karls V. im spanischen Yuste hält Philipp Melanchton 1559 in Bologna geradezu eine Eloge auf den Kaiser und seine maßvolle und nach Verständigung suchende Rolle in der Reformation - ja er stellt Karl in seiner historischen Bedeutung sogar auf eine Stufe mit dem römischen Kaiser Augustus (siehe Dok. in Ausstellungsraum 15).

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5

Luther und Erasmus

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 7: Luther und Erasmus von Rotterdam

Luther wendet sich von Anfang an gegen eines der Hauptpostulate des Humanismus: den freien Willen. Schon 1516, also noch vor dem Thesenanschlag, schreibt er über Georg Spalatin, den Hofkaplan und Sekretär des sächsischen Kurfürsten, an Erasmus von Rotterdam, dass dessen Römer-Brief-Auslegung eine Lücke aufweise, es fehle die Erbsünde.

In seiner Schrift gegen den päpstlichen Bann von 1521 baut Luther seine Rechtfertigungslehre, gegründet auf die Gnade Gottes, genauer aus. Erasmus antwortet und setzt in seiner Kritik am lutherischen Denken, niedergeschrieben im Buch De libero arbitrio (1524; deutsch: Vom freien Willen) beim Kernproblem des Verhältnisses von Freiheit und Gnade an. Erasmus verneint dabei keineswegs das Wirken der Gnade, denn ihm gefalle die Meinung derer, die dem freien Willen etwas [nonnihil] zuschreiben, der Gnade aber das meiste [plurimum].  

In seiner Erwiderung De servo arbitrio (1525, deutsch: Über den geknechteten Willen) geht Luther zum offenen Angriff auf Erasmus und dessen  Eintreten für die Wahlfreiheit über: Der freie Wille, so Luther, könne allein aufgrund der Erbsünde nichts anderes bewirken als sündigen und verdammt werden.

Zwei sich gegenseitig ausschließende Positionen stehen sich damit gegenüber. Verfügt der Mensch über Wahlfreiheit, über einen freien Willen, dann verfügt er über Autonomie und Selbstverantwortlichkeit in seinen Entscheidungen. Unterliegt er aber einer angeborenen, unvermeidbaren Sündhaftigkeit, dann bedarf er des Geschenks der Gnade Gottes, um „richtig“ handeln zu können.

Erasmus betont Freiheit und Wahlmöglichkeit des Menschen: Unter dem freien Willen verstehen wir die Kraft des menschlichen Willens, mit welcher der Mensch sich  demjenigen, was zum ewigen Heil führt, zuwenden oder von ihm abwenden kann. (De libero arbitrio). Das lutherische Denken dagegen behauptet eine nicht zu überwindende Abhängigkeit von Gottes Gnade, die Calvin konsequent als Vorherbestimmung, als Prädestination festschreiben wird.

An dieser Streitfrage trennen sich Erasmus und Luther, von da an gehen Humanismus und Protestantismus getrennte Wege. Nichtsdestotrotz wirken erasmitische Ideen in der Reformationsbewegung weiter fort.

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Luther und seine Vorläufer

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 3: Luther und seine Vorläufer

In der beginnenden Neuzeit sind die Missstände in der Kirche vielfach. Päpste, die wie weltliche Fürsten auftreten und handeln, kirchliche Würdenträger und Bischöfe, die Reichtümer und Ämter anhäufen, dazu die ungenügende Ausbildung des niederen Klerus. Angesichts der allgemeinen Endzeitstimmung um 1500 trägt all dies nachhaltig zur Diskreditierung der päpstlichen Autorität wie des priesterlichen Amtes bei.

Die Kritiker dieser Zeit haben jedoch eine Vielzahl an Vorläufern. Zuletzt hat Girolamo Savoranola (1452-1498) als wortmächtiger Bußprediger in Italien den ausschweifenden Lebensstil der herrschenden Schichten, aber vor allem denjenigen der Päpste und kirchlichen Würdenträger scharf kritisiert und damit soziale Unruhen bewirkt. 1498 wird er hingerichtet.

Schon im 14. Jahrhundert hat der schottische Theologe John Wyclif (1330-1384) als einzige religiöse Autorität die Bibel und nicht das Papsttum anerkannt. Als Konsequenz lehnt er die Sakramente und die kirchliche Hierarchie ab. Wenig später predigt Jan Hus (1369-1415), dass Priester, die sich im Zustand der Todsünde befinden, ohne moralische Autorität sind; dieser Vorwurf zielt durchaus auf den hohen und höheren Klerus. Hus hebt Jesus Christus, nicht den Papst, als Haupt der Kirche hervor und fordert für die Gläubigen die Kommunion in beiderlei Gestalt ein (Brot und Wein), die bisher dem Klerus vorbehalten war. In diesem Zusammenhang entwickelt sich der Gedanke, dass Laien oft besser als Geistliche seien. Wilhelm von Occam (1280/28-1349) hat bereits ein Jahrhundert vorher eine ähnliche Ansicht vertreten, indem er geistliche Rechte für Laien einfordert.

Martin Luther reiht sich in diese Tradition ein, als er beim Leipziger Disput im Juni 1519 die Hinrichtung von Jan Hus, der auf dem Konstanzer Konzil verurteilt worden war, für unrechtmäßig erklärt und bekräftigt: Ein einzelner Christ, sei er Priester oder nicht, könne gegen ein Konzil Recht behalten, wenn er von Gott erleuchtet sei. Im Anschluss an den Leipziger Disput und die dortige Verteidigung von Hus – als dessen auserwählten Nachfolger er sich später sieht - findet Luther im 1. Petrus-Brief eine Rechtfertigung seiner Denkweise: das Priestertum aller Getauften.

Martin Luther nimmt verschiedene Reform-Ideen auf, vereint spätmittelalterliche Vorstellungen mit humanistischen. Er teilt die mittelalterliche Endzeiterwartung und versucht in seiner Schrift Supputatio annorum mundi (Berechnung der Weltzeit, 1541), den Heilsplan Gottes noch ganz in der Tradition der mittelalterlichen christlichen Universalgeschichte zu entschlüsseln. Andererseits folgt er dem humanistischen Beispiel von Erasmus und Reuchlin und sieht die Notwendigkeit, die Urtexte für eine Bibelübersetzung ins Deutsche heranzuziehen.

 

 

 


siehe hierzu jetzt auch: 

Eine verblüffende Entdeckung: Reformatoren vor Luther: ­John Wyclif, Petrus Valdes, Jan Hus

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Luther und Thomas Müntzer

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 8: Luther und Thomas Müntzer

Zu Beginn der Reformation treffen verschiedene Stimmungslagen zusammen: Die apokalyptische Erwartung, die die Zeit um 1500 geprägt hat, weicht einer allgemeinen Sehnsucht nach Reform sowohl der kirchlichen wie der weltlichen Obrigkeit. Die Verbreitung der Heiligen Schrift in deutscher Sprache ermöglicht weiten Teilen der Bevölkerung, deren Aussagen kennenzulernen und diese für die Durchsetzung ihrer Interessen nutzbar zu machen. Die Erkenntnis der Kluft zwischen biblischer Aussage und Lebenswirklichkeit führt zu tiefgreifender sozialer Unruhe. Schon  früh fragmentiert sich der engere Kreis um Luther, aus verschiedenen Richtungen wird seine Rechtfertigungslehre in Frage gestellt. Andreas Karlstadt und Kaspar Schwenkfeld vertreten spiritualistische Tendenzen, die Idee der Spättaufe greift um sich, Thomas Müntzer belebt hussitische Gedanken der Gleichheit aller Gläubigen ohne Obrigkeit.  

Höhepunkt dieser Spannungen ist 1525 der allgemeine Aufruhr gegen die Obrigkeit, der sogenannte Bauernkrieg. Die Forderungen bzw. Beschwerden der Bauern sind in „12 Artikeln“ der Bauern festgehalten (Abschaffung der Leibeigenschaft und der adeligen Privilegien , allgemeines Jagdrecht, gerechter Zehnt, freie Wahl des Pfarrers). Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann? lautet eines der bekanntesten Lieder. Die sozialen Forderungen der Bauern werden für die Reformatoren zur Trennlinie  hinsichtlich obrigkeitlicher Loyalität.

Luther, um die Erfolge „seiner“ Reformation fürchtend, behauptet die Obrigkeit sei gottgewollt, weil von Gott eingesetzt. Thomas Müntzer wird zu Luthers entschiedenstem Gegenspieler, indem er der weltlichen Obrigkeit jegliche Legitimation aus der Bibel abspricht und konsequent die Führerschaft des Bauernheers übernimmt. Führer des überkonfessionellen Adelsheeres ist Georg Truchseß von Waldburg, auch Landgraf Philipp schickt Truppen. Die von der Reformation ausgelöste politisch-soziale Massenbewegung wird mit unerhörter Grausamkeit am 15. Mai bei Frankenhausen niedergeschlagen, Müntzer gevierteilt. Dieses Wüten der Sieger ist von Luther legitimiert: denn er hat mit seiner Schrift Wider die räuberischen Rotten der Bauern (1525) zum allgemeinen Mord und Totschlag gegen die gottlosen Aufrührer aufgerufen: Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss 

Die Abweichler aus dem Wittenberger Kreis um Luther, aber auch Tendenzen innerhalb der oberdeutschen Reformation befördern di frühe „Sekten“-Bildung im Protestantismus, seien es die verschiedenen  Gruppen der Wiedertäufer, 1534/35 wird Beispielweise in Münster das Reich Zion errichtet, seien es die spiritualistischen-millenaristischen Bewegungen, die letztendlich den Grundstock der evangelikalen Kirchen bilden.

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Luther, die Türken und die Juden

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 9: Luther, die Türken und die Juden

Die Befreiung des Evangeliums aus der Tyrannei des teuflischen Gefängnisses des Papsttums ist für Luther Grundlage und Voraussetzung der inneren Freiheit eines Christenmenschen. Die neu errungene protestantische Gewissens- und Glaubensfreiheit hat für den Reformator aber nur wenig mit dem zu tun, was wir heute unter den Begriffen Pluralität oder Toleranz verstehen. Im Gegenteil, mit Blick auf die "Anderen" ist Luther in seiner Glaubensgewissheit zu keinem Dialog bereit. Immer wieder beklagt er heftig, dass sich unter Berufung auf das Evangelium böse Sekten und Ketzereien wie die Anhänger Müntzers, Zwinglianer, Wiedertäufer und viele andere mehr hervorgetan haben, die, solange der Papst noch Gott und Herr war, nicht hätten zischen dürfen.

Luther führt seinen erbarmungslosen Kampf gegen alle vermeintlichen Christusgegner aus der Perspektive des von ihm in Kürze erwarteten Weltenendes: Sich selbst sieht er als letzten Propheten vor dem Jüngsten Gericht, dazu berufen, zur Umkehr und Buße zu mahnen. Wie in der Apokalypse geweissagt, werde die Christenheit vor ihrem Ende von zwei grausamen Tyrannen heimgesucht - für Luther die Reiche des Papstes und der Türken. Der Papst ist ihm der Antichrist schlechthin - und das Papsttum in Rom vom Teufel selbst gestiftet. In den Türken, die nach der Eroberung von Konstantinopel (1453) inzwischen weit nach Mitteleuropa vorgedrungen sind und bereits Wien bedrohen (1529), erkennt der Reformator die weltliche Zuchtrute Gottes, gegen die nur Gebet und Buße hilft. Wenn Kaiser Karl V. als rechtes Oberhaupt des weltlichen Regiments zum militärischen Abwehrkampf gegen die Türken aufruft, so ist ihm von allen Christen Gehorsam zu leisten. Dabei muss sich die Christenheit allerdings dessen gewiss sein, dass sie nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut kämpft, sondern wider ein groß Heer Teufel streitet, denn das Türken Heer ist eigentlich der Teufel Heer. Für die Reformation selbst ist die "Türkengefahr" letztlich vielleicht sogar ein Glücksfall: Der Abwehrkampf gegen die Türken zwingt Kaiser und Reich immer wieder zu Kompromissen mit den Protestanten und macht ihre konsequente Verfolgung unmöglich.

Während Luther in seiner Frühschrift Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei (1523) noch für eine freundliche Behandlung der Juden mit dem Ziel ihrer Bekehrung zum Christusglauben eintritt, sieht er in seinen späteren Schriften in den Juden nur noch ein von Gott verworfenes und verdammtes Volk, das nicht mehr zu bekehren ist und mit aller Schärfe bekämpft werden muss: Die Juden seien junge Teufel, zur Hölle verdammt und rechte Lügner und Bluthunde, vor denen die Christen sich hüten müssten. In seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) fordert Luther dazu auf, ihre Synagogen und Schulen zu verbrennen, ihre Häuser zu zerstören und ihre religiöse, rechtliche und wirtschaftliche Existenzgrundlage insgesamt zu vernichten. Den Fürsten gibt Luther den dringenden Rat, die Juden nicht mehr in ihrem Lande zu dulden und für immer zu vertreiben. Während der sächsische Kurfürst Johann Friedrich im unmittelbaren Anschluss an Luthers Judenschrift die Vertreibung aller Juden aus Kursachen binnen 14 Tagen verfügt, verfolgen andere protestantische Landesherren wie Philipp von Hessen eine maßvollere Judenpolitik als von Luther eingefordert. Und Kaiser Karl V. selbst erlässt - als Reaktion auf Luther - 1545 in Speyer ein umfassendes Privileg zum Schutz der Juden, das bedeutendste Judenprivileg in der Frühen Neuzeit überhaupt.

Ob Luther ein vormoderner "Antisemit" gewesen ist - oder nur ein vornehmlich religiös bestimmter "Antijudaist", ist bis heute strittig. Jedenfalls werden Luthers Judenschriften im "Dritten Reich" nur zu gerne als Rechtfertigung für die Novemberpogrome 1938 und die Judenverfolgung insgesamt benutzt.

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Martin Luthers "Thesenanschlag" 1517

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 4: Martin Luthers "Thesenanschlag" 1517

Am 31. Oktober 1517 wendet sich der Augustinermönch Martin Luther, ein bis dahin weithin unbekannter Doktor der Theologie zu Wittenberg, in einem Sendbrief an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg. Darin beklagt Luther die falschen Verheißungen der Ablassprediger und bittet um Abhilfe dieses Übels: So glaube das arme, einfältige Volk, dass die Seele ohne Verzug aus dem Fegefeuer fahre, wenn es nur Ablassbriefe löse und das Geld dafür in den Kasten lege. Auch Reue und Buße hätten die nicht nötig, die den Ablass erwürben. Dem respektvollen Brief an den Erzbischof beigefügt sind jene weltberühmt gewordenen Sprüche vom Ablass, die 95 Thesen. Dass Luther selbst die Thesen mit Hammerschlägen an die Wittenberger Schlosskirche geschlagen habe, ist eher spätere Legende als historische Realität. Zutreffend ist allerdings, dass mit den 95 Thesen der lutherische Aufruhr in Deutschland beginnt, der die Reformation einleitet und schließlich in eine Loslösung der Protestanten von der römisch-katholischen Kirche mündet.

Die Herausbildung der neuen evangelischen Lehre ist kein einmaliger "theologischer Durchbruch", sondern vollzieht sich in einem allmählichen Prozess zunächst noch innerhalb der Kirche: Kernpunkt der reformatorischen Theologie ist für Luther die Rechtfertigungslehre, wonach der bußfertige Mensch allein durch die Gnade Gottes (sola gratia) und allein durch den Glauben (sola fide) Vergebung der Sünden erlangen und der ewigen Verdammnis entgehen kann. In seinen reformatorischen Hauptschriften von 1520 (An den christlichen Adel deutscher Nation u.a.) postuliert Luther schließlich das "Priestertum aller Getauften", eine wahrhaft revolutionäre Wendung: Nicht mehr der geistliche Stand, die Kleriker und die römische Amtskirche sind die sakramentalen Mittler zwischen Mensch und Gott, sondern der einzelne Gläubige selbst kann seinen Weg unmittelbar zu Gott finden. Den richtigen Zugang eröffnet allein das in der Heiligen Schrift offenbarte Evangelium (sola scriptura), und nicht etwa Lehrsätze der Päpste oder Beschlüsse der Konzilien. Im Papst selbst erkennt Luther schließlich den "Antichristen", den apokalyptischen Gegenspieler vor der Wiederkunft Christi. Damit ist bereits 1519/20 der Bruch mit Rom und der Autorität des Papsttums vollzogen.

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Mittelalterliche Vorstellungswelten

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 1: Europa im 15. Jahrhundert

Das 15. Jahrhundert ist eine Zeit der existentiellen Verunsicherung im weltlichen wie auch religiösen Lebensgefühl. Die überkommene Ordnung der Welt scheint in Auflösung, Umbrüche und Katastrophenerfahrungen bestimmen das Bewusstsein der Menschen. Während die Osmanen mit der Eroberung von Konstantinopel (1453) das Ende des byzantinischen Christentums besiegeln und scheinbar unaufhaltsam nach Mitteleuropa vordringen, droht das christliche Europa in andauernden Kriegen und im Kampf der führenden Mächte um die Vorherrschaft zu zerfallen. Verheerende Pestepidemien und Hungernöte ängstigen die Bevölkerung - sie werden als verdiente Strafe Gottes interpretiert.

Missstände in der römischen Kirche und Machtkämpfe des Papsttums, die in eine Spaltung mit drei Päpsten münden und die als abendländisches Schisma (1378-1417) bekannt wird, rufen in ganz Europa Kritik hervor. Die Forderungen nach Reformen werden immer lauter. Manche Prediger nutzen die Stimmung, um das Ende der Welt zu prophezeien, das Jüngste Gericht wird zum Thema literarischer wie künstlerischer Werke. Die in der Offenbarung des Johannes geschilderten apokalyptischen Visionen des Weltuntergangs erfüllen viele Menschen mit tiefer Angst, da sie davon überzeugt sind, dass das Gericht Gottes unmittelbar bevorstünde. Der Tod wird zu einem wiederkehrenden Motiv – das sich durch das 14. und 15. Jahrhundert hindurch zieht. Der Tod wird häufig als einer der vier apokalyptischen Reiter, die Sense schwingend und Seuchen aussäend, dargestellt. So wird er auch zur Allegorie der Gleichheit, einerseits derjenigen der Menschen untereinander, und zwar unabhängig von der Zugehörigkeit zu einem Stand, wie auch andrerseits derjenigen von Lebenden und Toten, wie es in den Darstellungen der “Totentänze” zu sehen ist.

Mit der Angst vor dem Jüngsten Gericht wächst die Bedeutung der Sünde und des Fegefeuers, das seit seiner Erfindung in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts als dritter Ort, als läuternde, jedoch zeitlich unbestimmte Vorstufe für das Himmelreich, mehr und mehr Gewicht bekommt. Die daraus entstehende Verängstigung und die Sehnsucht nach jenseitiger Sicherheit führen dazu, dass man sich wünscht, die Zeit im Fegefeuer verkürzen zu können. Es entsteht die Idee des diesseitigen Ablasses: Durch den Kauf von sog. Ablassbriefen wird ein kürzerer Aufenthalt im Fegefeuer versprochen. Der Handel mit der jenseitigen Erleichterung nimmt exzessive Formen an: Vor allem der Vatikan braucht Geld für die Prachtentfaltung eines verweltlichten Papsttums. Das geschäftliche Agieren der Amtskirche wird sowohl von Teilen des Klerus als auch von weltlicher Seite heftig kritisiert, denn es wird als Abweichung von der Lehre Jesu gesehen.

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Neuzeitliches Denken und Humanismus

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 2: Renaissance und Humanismus

Parallel zu den Entwicklungen beginnt Mitte des 14. Jahrhunderts in Italien eine intellektuell-kulturelle Bewegung, die unter dem Namen Renaissance – Wiedergeburt der Antike – bekannt geworden ist und die sich im 15. Jahrhundert in ganz Europa ausbreitet. Die Renaissance geht von einem neuen Menschenbild aus, in dem der tätige Mensch im Zentrum der Schöpfung steht. Daraus leitet sich ein neuer Begriff ab: der des Humanismus. Die Humanisten sprechen der Philologie und der Philosophie eine zentrale Rolle zu und versuchen, ihre neuen Konzepte mit den Lehren und Traditionen der Auslegung der Heiligen Schrift zu verbinden.

Mit dieser christlich geprägten Wiederbelebung der Antike gelingt die Durchsetzung eines positiven, offeneren Menschenbildes wie auch einer toleranteren Auffassung anderen Religionen gegenüber. Dies zeigt z.B. die Schrift De Pace Fidei von Nikolaus von Kues, in der jeder menschlichen Seele, egal welcher Religion sie angehöre, Anteil am göttlichen Sein zuerkannt wird. Auch Renaissancekünstler wie Raffael, Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Michelangelo u.a. setzen sich mit den Kunstwerken der Antike auseinander und rücken Mensch und Natur in den Mittelpunkt ihres Schaffens.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts kommt es in ganz Europa zu Reformtendenzen in der christlichen Welt. Die neuen Denkansätze orientieren sich am Humanismus, sprechen sich für eine Rückkehr zum Urtext der Bibel und für individuelle Spiritualität aus und werten so kirchliche Hierarchien, Heiligen- und Reliquienverehrung und bloße Ritualerfüllung ab.

Der bedeutendste Humanist ist Erasmus von Rotterdam (1466/69-1536). Als im Griechischen und Hebräischen bestens ausgebildeter Philologe legt er 1516 eine kritische Edition des Neuen Testaments vor und revidiert so die bis dahin gebräuchliche lateinische Fassung, die sog. Vulgata. Ebenso veröffentlicht er Werke verschiedener antiker Schriftsteller im Urtext. In Deutschland besitzt – ähnlich wie Erasmus – der Humanist und Hebräist Johannes Reuchlin (1455-1522) großen Einfluss.

Ein enger Freund von Erasmus ist der Engländer Thomas Morus (1478-1536), der 1516 sein Buch Utopia veröffentlicht. Die Utopia ist der humanistische Entwurf einer idealen Gesellschaft, die auf den Grundsätzen der Gleichheit und der religiösen Toleranz beruht.

Zwei Ereignisse prägen die Renaissance in entscheidender Weise: Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg (ab 1450) revolutioniert die herkömmlichen Methoden der Buchproduktion und löst eine Medienrevolution aus. So können die Erkenntnisse des Humanismus schnelle Verbreitung finden; die heftig geführten Auseinandersetzungen der Reformationszeit sind ohne die gedruckten Kampfschriften und Flugblätter nicht zu denken. Zum anderen verändert die Entdeckung Amerikas (1492) und die Bestätigung der Kugelform der Erde die Vorstellung von der Welt.  

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Nordosteuropa: Preußen, Baltikum und Polen

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 18: Nordosteuropa: Preußen, Baltikum und Polen

Die Ideen Luthers finden im nordöstlichen Europa  früh Gehör. Sowohl im Deutschordensstaat und in Polen-Litauen als auch in der Livländischen Konföderation (heute Est- und Lettland) sind ab 1520 lutherische Drucke im Umlauf, wird im lutherischen Sinn gepredigt. 1523 wendet sich Luther mit dem Brief an die Christen in Riga, Reval und Dorpat an diese gleichzeitig zur Hanse und zur Livländischen Konföderation gehörenden Städte, die sich der lutherischen Reformation angeschlossen haben. Die wichtigen Reformatoren in den baltischen Städten kommen fast ausschließlich aus dem engeren Umfeld Luthers: Andreas Knopken, Johannes Brieseman, Nikolaus Glossenius.

Teile der Livländischen Konföderation und Polen-Litauens gehören zum Deutschordensstaat. In Livland findet anders als in Polen-Litauen das Luthertum Anfangs keine Verbreitung; der Deutschordensmeister Wolter von Plettenberg verteidigt die alte Lehre. Später, unter dem letzten Deutschordensmeister Gotthard Kettler (1559-1565), bekennt sich der livländische Zweig des Deutschen Ordens offen zum Luthertum.

Albrecht von Brandenburg-Ansbach (Albrecht von Preußen) Hochmeister des Deutschen Ordens und in regem Austausch mit Luther und Landgraf Philipp, bekennt sich zum Protestantismus und säkularisiert 1525 den Deutschen Orden. Der Deutschordensstaat wird zum lutherischen Herzogtum Preußen unter Lehnshoheit der polnischen Krone. Ein Teil des polnischen Herrschaftsgebietes gehört damit zum protestantischen Einflussgebiet.

Während der Reformationszeit herrschen in Polen-Litauen die Könige Sigismund I. (1506-48) und Sigismund II. August (1548-72), beide aus dem Geschlecht der Jagiellonen. Sigmund I. versucht zwar mit Edikten, den Protestantismus zu begrenzen, er legt aber den Protestanten gegenüber eine  tolerante Haltung an den Tag und gewährt aus Glaubensgründen Verfolgten Asyl.

Eine der wichtigsten Personen in diesem Raum ist Johannes a Lasco (1499-1560). 1524 trifft er in Zürich Huldrych Zwingli, in Basel verbringt er bei Erasmus von Rotterdam ein halbes Jahr. Die breite Rezeption der Schriften des Erasmus wie derjenigen des reformierten Glaubens in Polen ist a Lasco zu verdanken.

A Lasco ist für eine Reform der Kirche, er will aber den Bruch mit Rom zunächst vermeiden und steht deswegen Luthers Vorgehen kritisch gegenüber. Später wird er Anhänger der Confessio Helvetica. Nach kurzem Aufenthalt als Superintendent in Norddeutschland wirkt er im Auftrag von Albrecht von Preußen in London, um unter der Obhut König Edwards VI. die Flüchtlingsgemeinden aus den Niederlanden zu organisieren. Dort entsteht die von ihm verfasste Kirchenordnung Forma ac ratio, welche vor allem in Norddeutschland und den Niederlanden größten Einfluss auf das reformierte Kirchenrecht ausübt. Diese Schrift hat a Lasco König Sigismund II. August von Polen in der Hoffnung gewidmet, ihn für die Reformation gewinnen zu können.

Nach der Thronbesteigung Maria Tudors 1553 und ihrem Versuch der Rekatholisierung Englands muss a Lasco das Land verlassen. Nach Aufenthalten in Dänemark und  Deutschland, wo er sich mit Calvin und  Melanchthon austauscht, kehrt er mit Unterstützung von Landgraf Philipp nach Polen zurück. A Lasco versucht eine Union der polnischen Protestanten zu schaffen. Deren Einigung im Consensus von Sandomir 1570 erlebt er jedoch nicht mehr. Erst 1573 setzt die Warschauer Konföderation die freie Wahl der Religion durch: Lutheraner, Reformierte und Katholiken besitzen die gleichen Rechte.

Es ist der Arbeit der Jesuiten in der Zeit der Gegenreform geschuldet, dass die polnischen Territorien ohne Gewalt und durch geschickt eingesetzte Bildungspropaganda für den Katholizismus zurückgewonnen werden.

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Philipp der Großmütige und die Homberger "Reformatio" von 1526

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 10: Philipp der Großmütige und die Homberger "Reformatio" 1526

Entscheidender politischer Wendepunkt für die Durchsetzung der Reformation in Deutschland ist der Reichstag zu Speyer 1526: Der Religionskonflikt wird angesichts der Türkengefahr auf ein späteres Konzil vertagt - und Kaiser, Kurfürsten, Fürsten und Reichsstände verständigen sich darauf, dass jeder Herrscher in den Fragen der Religion sich so verhalten darf, wie ein jeder solches gegen Gott und die kaiserliche Majestät ... meint verantworten zu können.

Der hessische Landgraf Philipp ergreift hierauf sofort die Initiative und erlässt bereits im September 1526 eine weltliche Reformationsordnung, der wenig später ein erstes umfassendes kirchliches Reformprogramm folgt, die Reformatio ecclesiarum Hassiae. Philipp hat hierzu im Oktober 1526 eine Synode der geistlichen und weltlichen Stände in Homberg/Efze einberufen, in deren Anschluss Franz Lambert von Avignon (1487-1530) die "Reformatio" ausarbeitet. Die Homberger Kirchenordnung ist am Modell der urchristlichen Kirche orientiert und stellt das gemeindliche Leben in den Mittelpunkt: Die oberste Leitung der Kirche liegt bei einer landesweiten Kirchenversammlung, der Synode, zu der die von den Gemeinden zu wählenden Bischöfe und Laienvertreter einmal im Jahr zusammenkommen. Der Landesherr hat Stimmrecht auf der Synode und kann diese auch einberufen. Vorgesehen sind neben der kirchlichen und theologischen Neuordnung auch grundlegende bildungspolitische Reformmaßnahmen, beginnend mit der Auflösung aller Mönchs- und Nonnenklöster, ihrer Umwandlung in "Schulen der Gläubigen" sowie der Gründung einer Universität zu Marburg.

Luther, der 1526 die oberste Kirchengewalt auf seinen sächsischen Landesherren, Kurfürst Johann, übertragen und damit das System der evangelischen Landeskirchen in Deutschland begründet hat, kann dem umfassenden hessischen Reformationsprogramm wenig abgewinnen und lehnt die auf dem Gemeindeprinzip aufbauende Homberger Ordnung als einen Haufen Gesetze ab. Statt dessen votiert er für eine allmähliche Erneuerung des Kirchenwesens durch obrigkeitliche Visitationen zur Überprüfung der Pfarreien und des Gemeindelebens. Landgraf Philipp lässt sich jedoch nur teilweise umstimmen, zumal Sachsen in der Frage der Auflösung und Umwandlung der Klöster deutlich hinter Hessen zurückgeblieben ist und hier kaum als Vorbild dienen kann. Immerhin rückt Philipp von einer konsequenten Umsetzung des Synodalprinzips als Grundlage der Reformation in Hessen ab und entscheidet sich - durchaus in Konkurrenz zum späteren kursächsischen Visitationsmodell - für ein stärker obrigkeitliches Vorgehen. Insgesamt werden wichtige Kernpunkte des Homberger Modells sukzessive realisiert, und das hessische Reformationsprogramm wird in vielerlei Hinsicht zum Vorbild für andere Fürsten in Europa.

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Philipp von Hessen und Europa

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 17: Philipp von Hessen und EUROPA

Landgraf Philipp von Hessen ist einer der zentralen "European Player" im Reformationszeitalter: Wie kein anderer sucht Philipp die Spaltung der europäischen Reformationsbewegung zu überwinden und die dogmatischen Gegensätze zwischen Lutheranern und Reformierten auszugleichen. Es ist der Weg der Mittelstraß im Sakramentenstreit und eine pragmatische Vorgehensweise, die Philipp seinen protestantischen Mitstreitern Albrecht von Preußen oder Christian III. von Dänemark als erfolgversprechendes Reformationsmodell anempfiehlt. Auch widerstreitenden Glaubensauffassungen im eigenen Territorium, selbst mit Blick auf die "Wiedertäufer", will Philipp lieber auf dem Wege der Überzeugung als durch obrigkeitlichen Zwang begegnen. Es ist auch unser Wille und unsere Meinung, dass niemand am Leben aus keinerlei Gründen, die den Glauben betreffen, gestraft werden soll - es sei denn, dass einer Aufruhr oder Blutvergießen erwecke, so Philipp in seinem Testament von 1536. Vorrangige theologische Ansprechpartner des hessischen Landgrafen sind in Wittenberg eher Melanchthon als Luther - und im europäischen Raum zuerst Lambert von Avignon, dann Martin Bucer aus Straßburg, die Züricher Reformatoren Zwingli und Heinrich Bullinger sowie der aus Polen stammende Johannes a Lasco. Für die Zwinglianer ist Philipp der wichtigste Mittler zur Augsburger Konfessionspartei.

Die Mittellage der Landgrafschaft Hessen zwischen den lutherischen Kernländern in Sachsen und den reformiert geprägten oberdeutschen und helvetischen Gebieten ist ein machtstrategischer Faktor, der Philipps Streben nach einer Einheit im Bekenntnis -zur Flankierung seiner weitgespannten europäischen Bündnispolitik - beflügelt haben wird. Außenpolitisch agiert Philipp im Netzwerk seiner Korrespondenzen und Begegnungen mit den wichtigsten europäischen Herrschern seiner Zeit: Dazu gehören - neben Kaiser Karl V., König Ferdinand I. und Philipp II. von Spanien - die französischen Könige Franz I., Karl IX., Heinrich II. sowie Katharina von Medici; Heinrich VIII., Edward VI. und Elisabeth I. von England; Christian III. von Dänemark sowie Johann Zapolya von Ungarn u.a.. Unmittelbarer Kontakt besteht auch zu Coligny und Condé, den Führern der Hugenottischen Opposition in Frankreich, denen Philipp ab 1562 erhebliche finanzielle und publizistische Unterstützung zukommen lässt.

Die Außen- und Bündnispolitik des Landgrafen ist anfangs eindeutig antihabsburgisch ausgerichtet, lockert sich Mitte der 1530er Jahre aber auf und führt 1540/41 bei den Regensburger Religionsgesprächen zu einem Zusammengehen mit Karl V. In seinem "Europa-Plan" von 1542 geht Philipp noch weiter und entwickelt ein weit über seine Zeit hinausweisendes europäisches Friedenskonzept: Sein visionärer Friedensplan basiert auf drei Eckpunkten:

  1. Weitgehende Auflösung des italienischen Kirchenstaates und Zurückstufung des Papstes auf seinen ursprünglichen Status als Bischof von Rom bei Angliederung der Romagna an den Kaiserlichen Besitz in Italien;
  2. Herstellung eines europäischen Gleichgewichts auf Grundlage eines dauerhaften Ausgleichs mit Habsburg und Frankreich, dem Mailand und Piemont zugesprochen wird;
  3. Glaubensvergleich zwischen Katholiken und Protestanten durch ein umgehend einzuberufendes Konzils - bei Aufhebung des Wormser Edikts (1521) und des Augsburger Abschieds (1530).

Nur unter diesen Voraussetzungen, das heißt der Aufhebung der weltlichen Macht des Papstes, der Einheit im Glauben und dem Ausgleich zwischen Frankreich und dem Kaiser, sei es möglich, erfolgreich gegen die osmanische Expansion zu bestehen und einen wahrhaften Frieden in Europa zu erreichen. Philipps europäischer Friedensplan bleibt Utopie.

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Reformation und Bildungspolitik in Hessen

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 11: Reformation und Bildungspolitik in Hessen

Reformation und Verbesserung der Bildung hängen eng zusammen. Dies zeigt sich besonders in Hessen: Die in Kapitel 29 bis 32 der Homberger "Reformatio" formulierten Vorgaben bilden den Grundstock von Landgraf Philipps Bildungsprogramm: die Gründung der Marburger Universität, Schulbildung für Knaben und Mädchen, Stipendien für begabte Arme. Der Landgraf nimmt damit das gesamte Bildungswesen in seinen Einflussbereich. 1527 werden die hessischen Klöster säkularisiert. Dadurch erhält Philipp die Möglichkeit, sein Bildungsprogramm umzusetzen und die neue Universität mit Einkünften auszustatten.

Am 30. Mai 1527 wird in Marburg die erste protestantische Universität gegründet. Sie soll universellen Charakter besitzen. Philipp verleiht ihr mit einem Freiheitsbrief vom 31. August 1529 die akademischen Freiheiten und mit der Dotationsurkunde vom 4. Oktober 1540 wirtschaftliche Selbständigkeit. Die volle Anerkennung im Reich erreicht die Alma Mater Marburgensis aber erst mit der Bestätigungsurkunde Kaiser Karls V. vom 16. Juli 1541. .

Die „Partikular-“ oder „Trivialschulen“ in Hessen dienen zunächst der religiös-sittlichen Erziehung für zukünftige Prediger und andere Staatsbeamte. So stehen im Mittelpunkt des gesamten Unterrichts die Heilige Schrift und der Katechismus. Unterricht in der lateinischen Elementargrammatik dient als Vorbereitung für den Besuch der Universität; er hat zum Ziel, die Schüler zu befähigen, Latein – die Gelehrtensprache der Zeit – schriftlich und mündlich möglichst früh zu beherrschen. Die deutsche Sprache bleibt zweitrangig, obwohl sie durch die Reformatoren zur Gottesdienstsprache geworden ist.

Landgraf Phillips Anliegen ist die Alphabetisierung beider Geschlechter. Knaben und möglichst auch Mädchen sollen wenigstens die Befähigung zur Bibellektüre erhalten. Unter Mithilfe des Straßburger Reformators Martin Bucer (1491-1551) gelingt es ihm durch die Ziegenhainer Zuchtordnung von 1539 einen planmäßigen, obligatorischen Unterricht für alle Kinder, ohne ständische Unterschiede, einzuführen. Allerdings ist deren Umsetzung eher Programm geblieben als Wirklich geworden, doch hat sie Philipps Nachfolgern den Weg gewiesen.

Bei der Gründung der Universität wird ihr ein Pädagogium angeschlossen, das die schulische Jugend auf das wissenschaftliche Studium vorbereiten soll. Dieses Marburger Pädagogium wird in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts nach preußischem Vorbild in ein humanistisches Gymnasium umgewandelt, das heutige Gymnasium Philippinum.

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Regensburg 1541: Letzte Chance eines europäischen Religionsausgleichs?

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 15: Letzte Chance des europäischen Religionsausgleichs?

Zu Beginn der 1540er Jahre scheint es für einen kurzen Moment so, als eröffne sich eine letzte Chance zur Überwindung der konfessionellen Spaltung in Deutschland und Europa: Auf dem Regensburger Reichstag 1541 unternimmt Kaiser Karl V. noch einmal einen ernsthaften Versuch, einen friedlichen Ausgleich zwischen den katholischen und protestantischen Reichsständen zu erreichen und die zerbrochene Glaubenseinheit wiederherzustellen. In Vorbereitung seines ehrgeizigen Vorhabens haben ausgewählte Theologen beider Seiten im sogenannten Regensburger Buch grundlegende Lehrsätze aufgestellt, die dann auf dem Reichstag verhandelt und verabschiedet werden sollen. Wichtigster Verbündeter von Karl V. aus dem Lager der Protestanten und politische Schlüsselfigur in Regensburg ist Philipp von Hessen: In den Beziehungen des Landgrafen zu den Habsburgern hat sich nach 1534 (Rückeroberung Württembergs und Frieden von Kaaden) eine allmähliche Annäherung ergeben, und bereits 1535 kommt es zu einem ersten, dann aber nicht in Kraft getreten Bündnisvertragsentwurf.

Im Bemühen um einen umfassenden Religionsausgleich 1540/41 treffen sich die Motivationen von Kaiser und Landgraf, der sich auch in den theologischen Disput mit bemerkenswertem persönlichen Engagement einschaltet. In ganz wesentlichen Punkten wie der Rechtfertigungslehre wird eine Einigung oder zumindest Annäherung gefunden. -Gleichwohl zeigt sich, dass aufgrund der Verkoppelung von theologischen Fragen mit politischen Interessen ein umfassender friedlicher Religionsausgleich im Reich inzwischen nicht mehr erreichbar erscheint. Immerhin kann Karl V. den hessischen Landgrafen im Regensburger Geheimvertrag (Juni 1541) auf eine Unterstützung der habsburgischen Politik verpflichten - und zwar nicht nur mit Blick darauf, die Wiederherstellung der Glaubenseinheit in Deutschland jetzt und künftiglich zu fördern. Im Gegenzug erhält Philipp in einem von Karl V. unterzeichneten kaiserlichen Diplom die lange ersehnte reichsrechtliche Anerkennung seiner protestantischen Universität zu Marburg.

Dem hessisch-habsburgischen Abkommen von 1541 ist jedoch keine allzu lange Wirksamkeit beschieden: Nachdem die Protestanten eine Teilnahme an dem Konzil von Trient (1545-1563) abgelehnt haben und die Schmalkaldener unter Bruch der Reichsverfassung in Braunschweig-Wolffenbüttel eingefallen sind und Herzog Heinrich gefangen genommen haben, sucht Karl V. nun die militärische Entscheidung. In der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547 erleidet der Schmalkaldische Bund eine vernichtende Niederlage, und seine beiden Hauptleute, Johann Friedrich von Sachsen und Philipp von Hessen, geraten in langjährige Gefangenschaft des Kaisers.

Der Versuch Karls V., seinen großen Sieg zur Wiederherstellung der Kircheneinheit im Reich zu nutzen, bleibt jedoch am Schluss erfolglos: Im Augsburger Interim von 1548 strebt Karl V. eine Zwischenregelung in der Religionsfrage an, die bis zur Beendigung des Trienter Konzils gelten soll: Den Protestanten wird der Laienkelch und die Priesterehe zugestanden, ansonsten aber der tradierte katholische Ritus (Beibehaltung der Messe, Heiligenverehrung und Sakramentslehre) verpflichtend gemacht. Das Interim wird sowohl von katholischer als auch protestantischer Seite abgelehnt und bleibt ohne nachhaltige praktische Auswirkung, bevor es nach dem Fürstenaufstand gegen Karl V. im Passauer Vertrag 1552 außer Kraft gesetzt wird. Philipp von Hessen und Johann Friedrich von Sachsen kommen wieder frei - und ein unbefristeter Religionsfrieden soll auf dem kommenden Reichstag (Augsburg 1555) verhandelt werden.

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Spanien und die Niederlande

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 22: Reformation in Spanien und den Niederlanden

Gegen Ende seines Lebens wird Karl V. von einer quälenden Frage beunruhigt: Ob er, da unter seiner Regentschaft die Einheit der Kirche zerbrochen sei, dafür im Jenseits zur  Rechenschaft gezogen werde. Seinem Sohn und Nachfolger auf dem spanischen Thron, Philipp II., legt er testamentarisch die Bewahrung der kirchlichen Einheit, wenigstens in den spanischen Gebieten, als oberste Pflicht auf.

Philipp II. setzt den väterlichen Auftrag mit aller Härte durch. 1556 kommt es in Sevilla, 1558 in Valladolid zu großen Inquisitionsprozessen gegen „Luteranos“, die jedoch mehr den Ideen Calvins verpflichtet sind als denen Luthers. Diese beiden Prozesse, von denen auch enge Vertraute des Königshauses, z.B. der Sevillaner Erzbischof Carranza, betroffen sind, markieren das Ende einer weltoffenen und durch und durch vom Humanismus geprägten Intellektualität.

Es ist die Stunde der staatlichen Untersuchungsbehörde, des „Santo Oficio de la Inquisición“, die nun jegliche Glaubensabweichung rücksichtslos verfolgt und Spanien vom Rest Europas isoliert.

Noch in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts sind viele Großinquisitoren humanistisch geprägte Intellektuelle wie der Kardinal und Gründer der Universität von  Alcalá de Henares, Francisco Jiménez de Cisneros (1436-1517). An den Universitäten wie Salamanca und Alcalá blüht das geistige Leben mit neuen Ideen z.B. zum Status der kolonisierten Völker und zum Völkerrecht (Bernhardino de Sahagún; Francisco de Vitoria).

Das Nachdenken Karls V. über seinen Umgang mit Luther – dem „Ketzer“ – auf dem Wormser Reichstag zieht weitere Kreise, um den Irrtum, der ins Ungeheuerliche gewachsen ist, zu stoppen Es wäre ein Irrtum, die Ketzer nicht zu verbrennen, wie ich irrte, denn ich wäre nicht verpflichtet gewesen, mein Wort zu halten, da ja der Ketzer gegen einen größeren Herrn sündigt, der Gott ist. Es ist die Erfahrung Karls V. mit der Ausbreitung des „Luthertums“, die ihn auch den Humanismus kritisch sehen lässt: Die erasmistischen Ideen bilden das Einfallstor protestantischer Denkweise. Die spanische Inquisition hat ab ca. 1545 sowohl den Humanismus bekämpft als auch alle protestantischen Ansätze um den Preis der Abschottung des Landes erfolgreich zu unterdrücken gewusst. Nur eine elitär-abgehobene „Reformbewegung“ wie die Mystik, wie sie Teresa von Ávila vertritt, fällt nicht unter das Verdikt, solange sie sich scheinbar im Rahmen der römischen Kirche entwickelt.

Zur Reinerhaltung des Glaubens in Spanien ist es notwendig, auch die anderen habsburgischen Territorien durch die Inquisition zu kontrollieren. Das betrifft vor allem die burgundischen Erblande, denn vor allem von Antwerpen aus gelangt protestantisches Schriftgut nach Spanien. Dies führt in den Niederlanden zum erbitterten Kampf des Adels gegen die spanische Krone. 1565/66 vereinigen sich rund zweitausend Mitglieder des niederen Adels zum „Kompromiss der Adligen“. Dessen Anhänger unternehmen 1566 einen Marsch auf Brüssel. Sie fordern von Margarete von Parma, Philipps Generalstatthalterin in den Niederlanden, die Aussetzung der Ketzergesetze. Bis zu einer endgültigen Entscheidung sagt sie zu, die Ketzergesetze nicht mit voller Härte anzuwenden. Diese Zusage wird als Aussetzung der Gesetze ausgelegt. Die Nachricht davon verbreitet sich in Windeseile und führt dazu, dass exilierte und andere in ihren Territorien verfolgte Protestanten, vor allem französische Hugenotten, in die Niederlande strömen.

In den nördlichen Provinzen, unter dem Einfluss Wilhelms von Oranien (1533-1584), verschmelzen das Bekenntnis zum Calvinismus und das Streben nach Unabhängigkeit von Spanien. Die religiöse Identität, mit nationalem Freiheitsdrang verknüpft, hat als Hintergrund die Confessio Belgica von 1561, die ganz im Sinne der französischen Confessio Gallicana von 1559 – von Calvin und Beza mitgetragen – abgefasst ist. Unter den genannten politischen Vorgaben wird der niederländische Protestantismus, der anfangs recht unbestimmt ist und sowohl lutherische als auch täuferische Bestrebungen enthält, durchweg calvinistisch.

Für die Herausbildung einer nationalen Identität in den nördlichen Niederlande spielt der Calvinismus eine entscheidende Rolle. Nach fast 80jährigen Kampf (1568-1648) erhalten die Reformierten in den Friedensverträgen von Münster und Osnabrück die gleichen Rechte wie die Katholiken und die Anhänger der Augsburgischen Konfession.

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Südosteuropa und die Republik Venedig

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 19: Südosteuropa und Republik Venedig

Die Reformationsbewegung in Südosteuropa steht ganz unter dem Vorzeichen der osmanischen Expansion nach Mitteleuropa. 1529 belagern die Türken zum ersten Mal Wien und der Balkanraum ist inzwischen weitgehend unter ihrer Herrschaft. 1541 wird Ungarn in drei Teile aufgeteilt: Westungarn unter habsburgischer Oberhoheit, eine osmanische Provinz in Mittelungarn sowie das Fürstentum Siebenbürgen als türkischer Vasallenstaat, aber mit weitgehender innerer Autonomie. Die evangelischen Christen in Ungarn befinden sich damit in einer doppelten Frontstellung zwischen einem expansiven Islam und einer wiedererstarkenden römisch-katholischen Kirche.

Im Unterschied zu Deutschland, Skandinavien oder England/Schottland finden wir in Südosteuropa (bei fehlender zentralstaatlicher Entscheidungsgewalt) keine Fürstenreformation "von oben", sondern eine Reformationsbewegung "von unten", maßgeblich mitgetragen von lokalen politischen Eliten. Die unterschiedlichen Spielarten des europäischen Protestantismus können sich nebeneinander entfalten, so dass sich schließlich zwei rivalisierende reformatorische Bekenntnisse etablieren können: Wittenberger Einfluss manifestiert sich in der Einführung der Reformation in Kronstadt(1543) durch Johann Honterus (1498-1549) und der Kirchenordnung aller Deutschen in Siebenbürgen (1547), die der Augsburgischen Konfession folgt. Gleichzeitig verbreitet sich die helvetische Glaubensrichtung durch Heinrich Bullinger, dessen Schriften An die ungarischen Kirchen und Pastoren (1551) sowie Zweites Helvetisches Bekenntnis (1561/66) wesentliche Bedeutung erlangen.

Für die Verbreitung der reformatorischen Lehren in Kroatien, Slowenien und den orthodoxgläubigen südosteuropäischen Gebieten kommt der von Hans von Ungnad (1493-1564) in Urach (Württemberg) eingerichteten Druckerei für slowenische, kroatische und kyrillische Schriften eine Schlüsselrolle zu. In Urach wird 1561/62 eine kroatische Übersetzung des Neuen Testaments sowie eine von Primos Trubar, dem Begründer der evangelischen Kirche in Slowenien, bearbeitete Fassung der Augsburgischen Konfession gedruckt. Unterstützt wird Ungnad u.a. durch Philipp von Hessen, der in regem Schriftwechsel mit ihm steht und die Uracher Bibelanstalt finanziell fördert.

Auch in der Republik Venedig, deren Herrschaftsgebiet im Reformationszeitalter von Oberitalien entlang der dalmatinischen Küste bis hin nach Zypern reicht, und in anderen Teilen Italiens haben sich die lutherischen Lehren früh verbreitet. In dem mit Spanien - im Kampf gegen die Türken - verbündeten Venedig ist die Evangelische Gemeinde allerdings in ihrer Entfaltung stark eingeschränkt: Schon 1520 werden dort die ersten Schriften von Luther beschlagnahmt. Auf Bitten der evangelischen Christen aus Venedig, Vicenza und Treviso, die sich 1542 hilfesuchend an Luther gewandt haben, intervenieren 1543 die Hauptleute des Schmalkaldischen Bundes, Johann Friedrich von Sachsen und Philipp von Hessen, über Matthias Flacius bei dem Senat der Republik Venedig, um die Freilassung des von der Inquisition bedrohten ehemaligen Franziskanermönchs Baldo Lupetino zu erwirken. Lupetino wird zunächst zu lebenslanger Haft und schließlich 1556 zum Tod durch Ertränken verurteilt.

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19

Tafelausstellung "LUTHER und EUROPA"

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Die Tafelausstellung Luther und Europa fragt nach den europäischen Dimensionen der Reformation.  Aus dieser Perspektive zeigt sich, dass neben Wittenberg auch andere Reformationszentren wie Zürich und Genf von Bedeutung sind, ohne die die Ausbreitung des neuen Glaubens in Europa nicht denkbar gewesen wäre.

Vor dem Hintergrund der in unterschiedliche Glaubensrichtungen „gespaltenen Reformation“ rückt zugleich als weiteres Kernland der Reformation die Landgrafschaft Hessen in den Fokus. Der fürstliche Reformator Landgraf Philipp von Hessen führt nicht nur als einer der ersten den neuen evangelischen Glauben in seinem Lande ein, sondern agiert – weit über das Marburger Religionsgespräch von 1529 hinaus – als europäischer Mittler und zentraler „European Player“ im Reformationszeitalter.

 

Die Tafelausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und kann auf Anfrage ausgeliehen werden. Bitten wenden Sie sich an:

Kontaktadressen und Ansprechpartner siehe auch Flyer >

 

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25

Zweige der Reformation

Von Neebe Dr. Reinhard , 24 Januar 2025

Tafel 13: Die Spaltung des Protestantismus 

Beim Religionsgespräch, zu dem Landgraf Philipp 1529 nach Marburg eingeladen hat, finden Luther, Zwingli und die oberdeutschen Reformatoren in der Frage der Realpräsenz Christi beim Abendmahl keine Einigung. Der Abendmahlsstreit zwischen Lutheranern und Reformierten führt zu zwei protestantischen Konfessionen:

Im Unterschied zur katholischen Kirche gehen beide reformatorischen Bekenntnisse nur von zwei Sakramenten aus, der Taufe und dem Abendmahl. Gemeinsam ist auch die Verdammung der katholischen Heiligen- und Bilderverehrung. Die Calvinisten sind in der Bilderfrage aber wesentlich strenger als die Lutheraner und praktizieren in ihren Kirchen ein striktes Bilderverbot. Auch im kirchlichen Aufbau finden sich grundsätzliche Unterschiede :  

  • In den orthodox-lutherischen Landeskirchen ist der regierende Landesherr als "Notbischof" zugleich oberster Kirchenherr; er setzt Konsistorium und Pfarrer ein: Kirche und weltliche Obrigkeit sind in einer Hand.
  • Bei den reformierten Kirchen bestimmen General- und Provinzialsynoden als Versammlungen von Predigern und Ältesten über die Gemeindeangelegenheiten: Die reformierten Kirchenordnungen stellen den Gemeindegedanken in den Mittelpunkt und unterscheiden klar zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt.

Zu den Nebenströmungen der Reformation gehören die Täufer, Spiritualisten („Schwärmer“) und Antitrinitarier, die die Dreifaltigkeit Gottes ablehnen. Diese Gruppierungen stehen für die frühe Sektenbildung im Protestantismus und bilden - bei allen Unterschieden - den Grundstock der späteren evangelikalen Bewegung. Zum sog. "radikalen" oder "linken" Flügel der Reformation zählen Persönlichkeiten wie Thomas Müntzer oder Andreas Karlstadt.

Die Täufer entwickeln sich seit Mitte der 1520er Jahre schnell zu einem bedeutenden Nebenzweig der europäischen Reformationsbewegung - und sie werden 1529 in dem "Wiedertäufermandat" des Reichstags zu Speyer als mit dem Tode zu bestrafende Ketzer belegt. Insgesamt fallen im 16. und 17. Jh. mehr als 1000 "Wiedertäufer" den Verfolgungen zum Opfer; auch in protestantischen Territorien wie z.B. in Kursachsen wird die Todesstrafe gegen die Täufer vollstreckt. Eine rühmliche Ausnahme bildet Landgraf Philipp von Hessen, der es als nicht vereinbar mit seinem Gewissen ansieht, gegen einen Menschen, der im Glauben etwas irrig ist, so scharf zu verfahren. Soll nun derselbe so stracks von uns zum Tode verurteilt werden, sorgen wir uns wahrlich, dass wir an seinem Blut nicht unschuldig seien.

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