Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Mittelpunkt der Ausstellung zum "Marburger Landgrafenschloss im Wandel der Zeiten" steht die vielseitige Nutzung des Gebäudekomplexes im Laufe der Jahrhunderte. Nur wenige Gebäude spiegeln in ihrer Nutzung und baulichen Beschaffenheit so stark die Besonderheiten der jeweiligen Epoche: Die um 900 errichtete Burg wurde ab 1131 als Herrschaftssitz der Landgrafen von Thüringen genutzt und im Laufe der nächsten Jahrhunderte gemäß den sich wandelnden Anforderungen des Spätmittelalters zu einem  repräsentativen Schloss ausgebaut. Veränderte militärische Bedürfnisse des frühneuzeitlichen Territorialstaats erforderten den Ausbau zur Festung. Nach den Eroberungen Napoleons war eine militärische Sicherung gegen äußere Feinde nicht mehr erforderlich, die Anlage wurde stattdessen zur Sicherung gegen innere Feinde als Staatsgefängnis weitergenutzt. Mit der Eroberung Kurhessens durch Preußen wurde die Nutzung für die Zwecke des modernen Verwaltungsstaates zivilisiert und das neu errichtete Staatsarchiv wurde in den Räumen des Schlosses untergebracht.

Die verschiedenen Nutzungsweisen haben das Schloss natürlich auch baugeschichtlich verändert und sowohl die Bewohner der Anlage als auch die der Stadt geprägt. Kaum ein anderes Schloss kann auf eine so wechselnde Nutzung zurückblicken.

Seit 1292 diente das Schloss als Herrschaftssitz und Stammschloss der Landgrafen von Hessen. Die hier zusammengestellten Dokumente sollen aber nicht nur anhand der zeitlichen Achse die verschiedenen Nutzungsweisen des Schlosses aufzeigen, sondern auch das Schloss aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. So wäre die landesherrliche Repräsentation, wie sie im zweiten Kapitel aufgezeigt wird, nicht ohne die Herrschaftssitzfunktion, auf die im ersten Kapitel eingegangen wird, möglich gewesen. Die Tatsache, dass das Schloss zu einer Festung ausgebaut wurde, erleichterte die Umfunktionierung der Anlage zum Staatsgefängnis 1809, da das Schloss bereits in mehreren Schlachten sein Sicherheitskonzept bewiesen hatte. Die Entscheidung, aus dem Schloss ein Gefängnis zu machen, wurde vielfach kritisiert; die Entscheidung der Preußen von 1869, ein Staatsarchiv dort unterzubringen, traf demgegenüber auf breitere Zustimmung.

Dass letztlich die Universität und nicht die Stadt Marburg nach dem Zweiten Weltkrieg in den Besitz des Schlosses gelangte und sich damit auch um die Instandhaltung und Renovierung des Schlosses kümmern muss, lag nicht nur an dem Platzmangel der Universität. Die kontroverse Diskussion in den 20er und 30er Jahren um das Schloss zeigte, dass das Gebäude auch stark in Mitleidenschaft gezogen war.

Der Wandel der Nutzung ist auch unter den heutigen demokratischen Verhältnissen nicht abgeschlossen: Hier kreuzen sich Bedürfnisse von Universität und Stadtgesellschaft nach der Nutzung des Schlosses als repräsentativen Ort für kulturelle und wissenschaftliche Veranstaltungen mit den Anforderungen des Denkmalschutzes an den Erhalt der historischen Substanz und die Durchführung archäologischer Forschung - und schließlich ist für den Ausbau des Wirtschaftsstandorts Marburg auch die verstärkte touristische Verwertung dieses weithin erkennbaren Wahrzeichens der Stadt von wachsender Bedeutung.

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Kurztitel
Das Marburger Landgrafenschloss
Legacy-ID
268
Reihenfolge
7
Räume

Das Landgrafenschloss als Herrschaftssitz und Friedensbezirk

Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

Im Spätmittelalter war die Burg Marburg noch Herrschaftssitz der hessischen Landgrafen. Vom Schloss aus wurden die Geschicke von Land und Leuten bestimmt, Streitigkeiten geschlichtet sowie Gnadenerweise und Schenkungen erteilt, z. B. die Schenkung durch Landgräfin Sophie an ein Zisterzienser-Kloster 1250 (Dok. 1) oder 1286 die Regelung der Besitzverhältnisse über verschiedene Güter in Seelheim an die Burgmannen (Dok. 2). Nach dem Ausbau der Kapelle im Schloss war diese dort nicht nur den Schlossbewohner vorbehalten. Bischof Christian von Samland lud die Bewohner der Stadt 1288 zur Jahrfeier der von ihm geweihten Kapelle dazu ein, ebenfalls darin zu beten und Ablass zu leisten (Dok. 4/5). Andere Bischöfe folgten ihm später in ähnlicher Weise.

Welch hohe Bedeutung das Marburger Schloss hatte, kann man 1529 erkennen, als Philipp der Großmütige die großen Reformatoren seiner Zeit - Zwingli, Luther, Melanchthon - zum Marburger Religionsgespräch einlud, um über die Frage des Abendmahls zu diskutieren (Dok. 6-8). Die Residenzfunktion des Schlosses zeigt sich auch in dem Ausbau der Burg im 16. Jh. sowie in der Nutzung der Elisabethkirche als landgräfliche Grablegungsstätte. Auch wenn Marburg dabei im Laufe der Zeit immer wieder mit Kassel in Konkurrenz stand und Kassel zeitweilig überwog, versuchten die Landgrafen dennoch, das Marburger Schloss in Schuss zu halten, und behielten die Elisabethkirche lange als Grablegungsstätte bei. Nach dem Tod von Landgraf Ludwig IV. von Marburg 1604 artete die Auseinandersetzung zwischen den beiden Linien Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt um das prestigereiche Schloss und den Besitz von Oberhessen in einen Krieg aus, bei dem es auch um Marburg selbst ging, da die Stadt und Universität die Herkunft der Landgrafen verkörperte. Aus diesem politischen Tauziehen ging gemäß des Urteils eines Schiedsgerichts, welches  Ludwigs IV. letzten Willen umsetzen sollte, zunächst Landgraf Moritz von Hessen-Kassel als Sieger hervor. 1624 nahmen dann die Darmstädter das Schloss in Besitz. Doch der erbitterte Kampf der beiden Linien um Marburg während des 30-jährigen Krieges ließ am Ende Stadt und Schloss hoch verschuldet und schwer beschädigt zurück. Dies bedeutete das endgültige Ende der Residenzfunktion für Marburg.

1723 wurde das Schloss von Landgraf Karl von Hessen-Kassel durch sein Burgfriedenspatent zum Friedensbezirk erklärt. Jede tätliche Auseinandersetzungen, Beleidigungen und Duelle waren strikt untersagt und bei Verstoß drohte die Todesstrafe ohne Gerichtsverfahren (Dok. 10).

 

Katharina von der Osten-Sacken

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Legacy-ID
1456
Reihenfolge
1

Das Landgrafenschloss zwischen Wissenschaft und Weihestätte

Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

 

 

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert fungierte das Schloss nicht nur als Staatsarchiv. Der Marburger Geschichtsverein verwahrte hier seine Sammlungen; die Universität nutzte die Anlage bei feierlichen Anlässen, wie z. B. der 350-Jahrfeier im Jahre 1877 (Dok. 6.3) oder der 400-Jahrfeier im Jahre 1927.

Bereits ab Mitte der 1920er Jahre wurde über die weitere Nutzung diskutiert. Von Seiten der Universität gab es die Überlegung, dort eine religionskundlichen Sammlung und später ein außerhalb der theologischen Fakultät angesiedeltes Institut für Religionsvergleichung einzurichten. In den 1930er Jahren war auch von nationalen Weiheräumen die Rede (Dok. 6.6, 6.8, 6.10). Zeitweilig interessierte sich auch NSDAP-Reichsleiter Alfred Rosenberg im Rahmen seiner Planungen für eine Parteihochschule für die Anlage (Dok. 6.9).

Nach Ausbruch des 2. Weltkriegs wurden im Marstall und in der Schmiede Notunterkünfte für Saarflüchtlinge und Bombengeschädigte sowie ein Hitlerjugend-Heim eingerichtet; die an verschiedene Institutionen, Firmen und Privatpersonen vermieteten Räume im Schloss dienten als Speicher für Kunst- und Kulturgüter oder als Warendepots.

Die Philipps-Universität kam erst 1946 in den Besitz des Schlosses (Dok. 6.11). Zunächst brachte sie dort die Religionskundliche Sammlung und eine Stipendiatenanstalt unter, seit 1981 das Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Heute nutzt die Universität das Schloss nicht nur als Museum, sondern auch für Feste und Tagungen sowie für repräsentative Zwecke.

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1461
Reihenfolge
6

Gedächtnisort: Das Preußische Provinzialarchiv im Landgrafenschloss

Von von der Osten-… , 24 Januar 2025

Nach der Annexion des Kurfürstentums Hessen durch Preußen wurde das Schloss zum Staatsarchiv umfunktioniert. 1869 wurde das Gefängnis geräumt und Archivare und gelehrten Archivbenutzer wurden die neuen Bewohner des Anlage. In der Marburger Bevölkerung wurde die Zusammenführung der ältesten und wertvollsten Dokumente zur hessischen Landesgeschichte im Landgrafenschloss einhellig begrüßt. Die neu mit der Preußischen Monarchie vereinigte Bevölkerung, so Archivdirektor Gustav Könnecke im Jahre 1876, erlebte es in den ersten Jahren der Annexion, dass das neue Regiment für dasjenige Schloss, welches als Stammschloss seines Dynastenhauses anzusehen ist, mehr Pietät hatte, als das hessische Fürstenhaus selbst, durch welches dasselbe schnöder Weise zum Gefangenenhause herabgewürdigt war (Dok. 5.4). Könneckes Kollegen waren zunächst allerdings alles andere als begeistert von der Aussicht, im Schloss arbeiten und im Marstall ihre Dienstwohnungen beziehen zu müssen. Als der Kasseler Archivdirektor Strippelmann 1869 von dem bevorstehenden Umzug hörte, schrieb er an seinen Freund, den Regierungs- und Baurat Lichtenberg: Ich fürchte mich greulich vor den Wanzen, die im Schloss furchtbar hausen mögen, nach den Bestimmungen, die solches gehabt hat (Dok. 5.2). Das Zusammenleben der Archivräte im Marstall - der Archivdirektor bewohnte die ehemalige Schmiede - förderte zwar das Zusammengehörigkeitsgefühl und den geselligen Austausch, der Wohnkomfort ließ jedoch durchaus zu wünschen übrig. 1871 beklagte sich der Archivar Grein beim Landbaumeister über die bedrohlichen Übelstände in seiner Dienstwohnung. Durch die Kälte war der Abtritt derart verstopft, dass er überzulaufen drohte; auf dem Dachboden lag Schnee, weil das Dach undicht war; und in seinem Arbeitszimmer hatte sich die Wand so stark gesenkt, dass die Tür, über der sich bedrohliche Risse in der Tapete zeigten, kaum noch geöffnet werden konnte (Dok. 5.3). Im Laufe der Jahrzehnte besserten sich die Wohn- und Arbeitsbedingungen, komfortabel waren sie jedoch nie. So ist es nicht verwunderlich, dass der 1938 erfolgte Umzug des Staatsarchives vom Schloss in das neue Dienstgebäude im Marburger Südviertel allgemein begrüßt wurde. Insgesamt beherbergte das Schloss annähernd 70 Jahre - von 1869 bis 1938 - das Staatsarchiv.

Während die Archivare sich im Südviertel längst eingelebt hatten und gar nicht mehr auf die Zeit im Schloss zurückblickten oder es gar vermissten, pflegen sie dennoch bis heute Traditionen, die in jener Zeit begründet wurden. Das alljährliche um den Martinstag stattfindende "Gänseessen" (Dok. 5.8) ist ein Beispiel dafür. Das Amt des "Gänsevogts", dem die Auswahl des Speiselokals, die Festlegung der Marschroute und der Menüfolge sowie die Einführung in den geselligen Abend obliegt, ist eines der wichtigsten Ämter im Staatsarchiv, auch wenn es in keinem Organigramm auftaucht.

Welch hohen Stellenwert man zu allen Zeiten der Geselligkeitspflege und dem fachlichen Austausch beimaß, lässt sich u. a. auch an phantasievoll gestalteten Archivtagseinladungen ablesen (Dok. 5.6). Als die Archivare 1913 Kollegen aus dem ganzen Reichsgebiet zum "Westdeutschen Archivtag" nach Marburg einluden, war folgender Ablauf vorgesehen (Dok. 5.7): Die Zusammenkunft sollte mit einem Frühstück bei "Seebode" in der Reitgasse beginnen, danach wollte man vom Rudolfsplatz auf den Frauenberg fahren, dort das Mittagessen zu sich nehmen und anschließend nach einem kleinen Schlenker über den Elisabethbrunnen im "Hansenhaus" einkehren, wo wahlweise entweder Kaffee und Kuchen oder Bier  und Vesperbrot gereicht werden sollten. Nachdem man die auswärtigen Gäste zum Bahnhof geleitet hatte, versammelte sich der Rest, soweit er dazu noch imstande war, wieder in der Reitgasse zum "Schlusstrunk" bei Bopp. Den beschwerlichen Weg zum Schloss wollte man sich und den Teilnehmern tunlichst ersparen; die Arbeitsstätte sollte nur dann in den Rundgang einbezogen werden, wenn die Gäste dies ausdrücklich wünschten, was nicht der Fall gewesen zu sein scheint.

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Legacy-ID
1460
Reihenfolge
5

Landesherrliche Repräsentation, Festkultur und höfisches Leben in Marburg

Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

Dass landesherrliche Repräsentation in diesem Maße ausgelebt werden konnte, war nur möglich, weil das Marburger Schloss lange auch Herrschaftssitz der Landgrafen war. Um sich repräsentativ besser darstellen zu können, wurden im Jahr 1484 sogar Wappen gefertigt, die den Landgrafensaal schmücken sollten (Dok. 2.8). Dieser Saal ist bis heute der bedeutendste Raum des Schlosses, in dem zahlreiche Veranstaltungen stattfinden.

Die Hofhaltung und Repräsentation forderten allerdings auch ihren Tribut. Neben dem Inventar, welches immer wieder erneuert oder repariert werden musste, mussten die Weinkeller und Vorratskeller ebenfalls instand gehalten werden und immer gefüllt sein, um die empfangenen Gäste angemessen bewirten zu können (Dok. 2.10-2.13). Die wechselnde Zahl der anwesenden Personen bereitete der Haushaltsführung besonders bei der Vorratshaltung auch Schwierigkeiten. Dies wurde im Herbst 1597 besonders deutlich, als wegen eines Pestausbruches der Landgraf Ludwig IV. (1537-1604), Sohn von Philipp dem Großmütigen, und viele Hofbedienstete Marburg verließen, während zeitgleich über Gotha und Alsfeld 315 gekaufte polnische Ochsen nach Marburg unterwegs waren.  Als besonders herausragendes Beispiel für Repräsentation kann man vielleicht die Hochzeit 1566 zwischen Sabine von Württemberg mit Landgraf Wilhelm IV. sehen, der zahlreiche wichtige Persönlichkeiten wie Pfalzgraf Johann Casimir und die Herzöge Eberhard und Christoph von Württemberg beiwohnten (Dok. 2.3). Die Herzöge von Sachsen gehörten ebenfalls zu den Personen, die das Schloss beherbergte, so waren 1476 Herzog Wilhelm und 1499 Herzog Albrecht von Sachsen Gäste des Landgrafen.

Es gab aber nicht immer nur ernste Gespräche und Staatsgeschäfte im Schloss. Repräsentation bedeutete auch, sich von der geselligen Seite zu zeigen und Feste abzuhalten, an denen auch das Volk teilnehmen konnte. Es wurde auch für Attraktionen benutzt, wie die Fastnacht 1487 oder 1735 (Dok. 2.1 und 2.2). Auch wurden diverse Ritterfestspiele und Turniere dort abgehalten (Dok. 2.4 - 2.6).

 

Katharina von der Osten-Sacken

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1457
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2

Schloss und Riegel: Das Landgrafenschloss als kurhessisches Staatsgefängnis

Von von der Osten-… , 24 Januar 2025

Seit 1809 war das Schloss zu einem Staatsgefängnis umfunktioniert worden. Diebstähle, Forstfrevel und Bettelei zählten zu den häufigsten Haftgründen. Trotz einer mit Bibeln, Gebets- und Andachtsbüchlein gut bestückten Gefängnisbücherei (Dok. 4.6) verpufften die Maßnahmen zur religiösen und sittlichen Besserung der Insassen meist wirkungslos; trotz eines ausgefeilten Strafkatalogs, der von Kürzung bzw. Streichung des Arbeitslohns über Kostentzug bis zur Dunkelhaft reichte, ließ die Disziplin durchaus zu wünschen übrig. Gelegentlich flohen Häftlinge bei auswärtigen Arbeitseinsätzen (Dok. 4.8) oder sonntäglichen Kirchgängen. Am 3. Juni 1810 suchten drei Inhaftierte das Weite, als der Stockmeister mit den übrigen Gefangenen in der Kirche weilte. Die Schildwache eröffnete umgehend das Feuer auf die Flüchtenden, wobei ein Häftling getötet und die unglücklicherweise in der Schussbahn stehende Gattin des Stockmeisters lebensgefährlich verletzt wurde (Dok. 4.7).

Daher waren 1834/35 die Marburger Professoren alles andere als begeistert, als das kurhessische Innenministerium vorübergehend mit dem Gedanken spielte, in dem zum Staatsgefängnis umfunktionierten Gebäudekomplex einen "Campus" einzurichten, um die Raumnot der Universität zu beheben (Dok. 6.2). Während dieser Plan vom Kasseler Innenministerium angesichts der ablehnenden Haltung der Universitätsgremien rasch verworfen wurde, blieb die Obrigkeit in einem anderen Fall stur. 1839 wurde der linksliberale Marburger Staatsrechtler Sylvester Jordan (Dok. 4.2), Miturheber der kurhessischen Verfassung von 1831, wegen angeblichen Hochverrats für einige Jahre im Schlossgefängnis inhaftiert. Ob Jordan zu Recht oder zu Unrecht einsaß, war in Juristenkreisen heftig umstritten. Seine Gesinnungsgenossen erwiesen dem prominenten Häftling ihre Referenz, indem sie Gedichte und Pamphlete veröffentlichten und Jordan zum Volkshelden stilisierten - gemäß der Devise: Das ist ein Mann, verkünde sein Leiden, und Du erzählst des ganzen Volkes Not (Dok. 4.4). Auf Stichen und in Streitschriften aus den frühen 1840er Jahren erscheint das Schloss als Zwingburg und Symbol staatlicher Unterdrückung.

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1459
Reihenfolge
4

Schutz und Schirm: Das Landgrafenschloss als Festung

Von von der Osten-… , 24 Januar 2025

Die Auseinandersetzungen des 17. und 18. Jahrhunderts wurden nicht mit Worten, sondern mit Waffen ausgetragen. In dieser Zeit diente das zur Festung ausgebaute Schloss vornehmlich militärischen Zwecken.

In Friedenszeiten mussten die bis zum Dammelsberg reichenden Bastionen von den Untertanen unterhalten werden, was vor allem in der Saat- und Ernteperiode als unerträgliche Belastung empfunden wurde. Ungeachtet aller obrigkeitlichen Ermahnungen kam es fast in jedem Frühjahr und jedem Herbst zu Streitigkeiten wegen verzögerter oder nicht erbrachter Festungsbaudienste. 1646 wiesen die Marburger Kriegsräte alle Rentmeister und Schultheißen des Oberfürstentums an, die Untertanen mit Nachdruck und unter Strafandrohung zur Lieferung der rückständigen Holzpalisaden anzuhalten (Dok. 3.1). 1775 erschienen unerwarteterweise statt der zwölf angeforderten Arbeiter aus dem Amt Wetter deren Ehefrauen zum Festungsbaudienst, weil ihre Männer angeblich mit Fuhren, Ernte- und anderen Feldarbeiten überlastet waren. Als der Offizier die Frauen zurückzuschicken versuchte, fingen sie an zu protestieren und wiesen darauf hin, dass sie ebenso gut als Mannspersonen im Schiebkarren gehen, Erde schöpfen, solche treten und Steine tragen könnten. Wie dieser Streit ausging, ist nicht überliefert; um erneute Konfrontationen mit den "Weibsleuten" zu vermeiden, wurde Frauenarbeit fortan untersagt (Dok. 3.2).

Im Dezember 1647, in der Spätphase des Dreißigjährigen Krieges, hielt das Schloss einer zehntägigen Belagerung durch kaiserliche Truppen stand, während die Stadt gestürmt und geplündert, etliche Bürger als Geiseln genommen, die Stadtmauern zum Teil niedergelegt und vier Türme gesprengt wurden (Dok. 3.9). Am 9. September 1759,  mitten im Siebenjährigen Krieg, eröffneten kurhannoversche und hessische Truppen von der Kirchspitze, vom Wannkopf und vom Dammelsberg aus das Feuer auf das von französischen Truppen besetzte Marburger Schloss. Nach dreitägiger Kanonade ergaben sich die Franzosen; auch diesmal waren die Kollateralschäden beträchtlich. Ein Zeitzeugenbericht vermerkt, dass von der Batterie des Dammelsbergs sehr viele Kugeln in die Stadt flogen, und einige Bomben auf den Dächern zersprangen, [...] dass man sich in denen Häusern nicht vor sicher hielte, und viele Leuthe von wegen dem erschrecklichen Sausen, Pfeifen und Zerspringen der Bomben in die Keller retirierten (Dok. 3.12). Als die Franzosen nach der Annexion des Kurfürstentums Hessen im Frühjahr 1807 die letzten Festungswerke sprengten, wurden erneut zahlreiche Häuser durch herumfliegende Gesteinsbrocken beschädigt (Dok. 3.13). Für die Marburger war die Festung über ihren Häuptern mithin nicht nur ein Schutzschild, sondern in Kriegs- und Krisenzeiten zugleich auch eine Gefahrenquelle, die feindliche Armeen anlockte.

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Legacy-ID
1458
Reihenfolge
3