Legacy ID
20
Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

Anfang Januar 1945 wurde der Mutter des Ernst P. durch die Heilanstalt Hadamar mitgeteilt, ihr Sohn sei an einer Lungenentzündung erkrankt. Bereits am folgenden Tag ging die Benachrichtigung vom Tod des Sohnes an die Mutter ab. Die Schreiben folgen einem damals gängigen Muster zur Verschleierung der wahren Todesumstände der Ermordeten. Zunächst wurde den Angehörigen eine schwere, lebensbedrohliche Krankheit des Patienten angekündigt. Kurz darauf erhielten sie die Todesnachricht.

Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

Dem Schreiber des Briefes war wenig zuvor der Tod seiner Tochter mitgeteilt worden. Fassungslos wandte er sich an die Heilanstalt Hadamar und bat um Erläuterung der Todesursache – angeblich „Darmkatarrh“ –, die ihm nicht nachvollziehbar erschien: „Ich möchte nochmals den Herrn Chefarzt höflich bitten, mir das festzustellen, was mein Kind für eine Krankheit gehabt hat. Das will mir nicht in den Kopf hinein. Sie haben mir in den 12 Tagen mein Kind fortgeschafft. […] Sehr geehrter Herr Chefarzt, ich kann mir so etwas nicht bieten lassen. Ich habe ein kräftiges Kind gehabt.

Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

Wilhelm Pfannenstiel (1890-1982) war 1931 als Professor und Leiter des Hygiene-Instituts nach Marburg berufen worden. 1933 trat er der NSDAP bei, firmierte als Unterzeichner des „Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ und übernahm den Vorsitz der Marburger Ortsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene.

Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

Seit 1934 Mitglied der SS, war Pfannenstiel als Arzt des SS-Oberabschnitts Fulda-Werra und als beratender Hygieniker der Waffen-SS tätig, ab 1941 im Range eines Obersturmbannführers. In dieser Funktion inspizierte er auch Konzentrations- und Vernichtungslager in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten. 1942 war er während einer Inspektionsreise in das Vernichtungslager Belzec Augenzeuge der Ermordung von Juden. Seit 1940 war Pfannenstiel aufgrund seiner Tätigkeit als SS-Arzt immer wieder von seinen Dienstgeschäften an der Marburger Universität beurlaubt.

Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

Als Professor der Philipps-Universität und beratender Hygieniker der Waffen-SS war Pfannenstiel ein gefragter Redner. In dieser Rolle propagierte er insbesondere das der Kriegspropaganda dienende Ziel, die „Wehr- und Leistungsfähigkeit“ zu erhalten und zu steigern. Dies sollte geschehen durch Gesundheitsvorsorge und Hygiene, durch „Auslese-Maßnahmen“ und eine „rassisch-erbbiologische Musterung aller tüchtigen und begabten Jugendlichen“. Bis zum Ende des Krieges zeigte sich Pfannenstiel als überzeugter Vertreter der NS-Rassenhygiene.

Von Rosenkötter , 24 Januar 2025

Der Psychiater und Neurologe Ernst Kretschmer (1888-1964) war 1926 an die Marburger Universität berufen worden und leitete bis 1946 als Direktor die dortige Universitätsnervenklinik. Kretschmer trat zwar nicht der NSDAP bei, wurde jedoch 1933 förderndes Mitglied der SS. In dem 1934 durch den Schweizer Rassenhygieniker Ernst Rüdin herausgegebenen Band „Erblehre und Rassenhygiene im völkischen Staat“ befürwortete Kretschmer ausdrücklich die Sterilisierung „Schwachsinniger“.